Unter starker Beteiligung aus allen Teilen des Reiches trat der elfte Kongress der Christlichen Gewerkschaften Deutschlands zusammen.[1] Der auf vier Tage angelegte Verbandstag wurde am Samstagvormittag durch den Gesamtverbandsvorsitzenden, den Reichstagsabgeordneten Dr. Stegerwald, in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste eröffnet.[1] In seiner von frischer Zuversicht getragenen Begrüßungsansprache erinnerte Stegerwald daran, dass der Ruhreinbruch samt dem passiven Widerstand und der sich anschließenden Inflation die eigentlich schon für das Jahr 1923 fällige Zusammenkunft verhindert habe.[1] Der Vorsitzende hob die besonderen Verdienste der christlichen Gewerkschaftsbewegung im Abwehrkampf gegen separatistische Bestrebungen im Rheinland und in der Pfalz hervor.[1] Nach dem Ruhrkampf, so der Redner weiter, habe sich die Arbeiterschaft gegen eine reaktionäre Machtpolitik des Unternehmertums zur Wehr setzen müssen, die jeder psychologischen Einsicht bar gewesen sei.[1] Dennoch sei man international ein Stück vorangekommen. Dies beweise nicht zuletzt die anstehende Ratifizierung des Washingtoner Abkommens.[1]
Der Kongress, der den Emanzipationskampf der christlichen Arbeiter mit neuem Rüstzeug versehen soll, stieß auch über die Landesgrenzen hinaus auf bemerkenswerte Resonanz.[1] Dem Berichterstatter der Kölnischen Zeitung zufolge überbrachte der Niederländer Serrarens die Grüße des Internationalen Bundes der christlichen Gewerkschaften.[1] Serrarens wies dabei die Anmaßung der sozialdemokratischen Verbände, als alleinige Vertretung der Arbeiterschaft aufzutreten, mit Entschiedenheit zurück.[1] Eine Zusammenarbeit mit der Amsterdamer Internationale hänge maßgeblich davon ab, ob diese einen klaren Trennungsstrich gegen Moskau ziehe.[1] Für das in Genf ansässige Internationale Arbeitsamt sprach das deutsche Mitglied der Zentrale, Henseler.[1] Weiterhin zollte der sächsische Oberverwaltungsgerichtspräsident Nostiz der Gewerkschaftsbewegung Anerkennung für ihre politische Mäßigung. Diese habe Deutschland nach dem staatlichen Umsturz vor Schlimmerem bewahrt.[1]
Die innerverbandlichen Herausforderungen bildeten den Kern des Ausschussberichtes, den Generalsekretär Otto aus Berlin am ersten Verhandlungstag erstattete.[1] Er legte dar, dass die materiellen Nöte der Nachkriegsjahre die Kräfte der Gewerkschaften fast vollständig in Lohnbewegungen gebunden hätten. Aus diesem Grund sei die Schulungsarbeit zeitweise vernachlässigt worden.[1] Nunmehr werde der beruflichen und fachlichen Schulung, insbesondere der Betriebsräte, zur Steigerung der Qualitätsarbeit wieder verstärktes Augenmerk gewidmet.[1] Bezüglich des Zentralverbandes der Landarbeiter räumte Otto ein, dass dort erschwerende Voraussetzungen herrschten.[1] Das Arbeitsverhältnis zum Arbeitgeber sei persönlicher und es fehle auf dem Lande an einer ausreichenden gewerkschaftlichen Tradition.[1]
Ausdrückliche Zustimmung der Delegierten fand am Nachmittag ein Vorstoß der Saarlandvertreter.[1] Der Delegierte Hillenbrand aus Saarbrücken brachte unter starkem Beifall eine Entschließung ein, die vom Reich und den Ländern rasche Hilfeleistung für die durch die Frankenwährung verursachten Nöte im Saargebiet verlangt.[1] Zugleich fordert der Antrag, weiterhin auf die Wiedervereinigung des Saargebietes mit dem Deutschen Reich hinzuarbeiten. Über die Entschließung werden die Delegierten am Ende der Tagung abstimmen.[1]