Die Sorge war bis aufs Äußerste gestiegen, die Spannung hatte ihren Höhepunkt erreicht, und doch schienen einige Umstände dafür zu sprechen, dass die Lawine des Unheils von einem großen Teil Europas abgewehrt werden könne.[1] Doch die Hoffnungen waren trügerisch. Das Unterhaus hat sich vertagt, alle Verhandlungen sind gescheitert, und der Generalstreik ist in der Nacht zum Dienstag um Mitternacht in Kraft getreten.[2] Wie der in Asien erscheinende Hong Kong Telegraph meldet, vollzog sich der Beginn der gewaltigen Arbeitsniederlegung in den Transport-, Druckerei- und Baugewerben in ruhiger und planmäßiger Weise.[3] Jene Arbeiter, deren Schichten vor Mitternacht begannen, beendeten noch pflichtgemäß ihren Dienst, fuhren die letzten Omnibusse und Eisenbahnen in die Depots und traten erst danach in den Streik.[3]

Die letzte Nacht vor dem Ausbruch des Streiks bot in London ein denkwürdiges Schauspiel. Das Zeitungsviertel in der Fleet Street erinnerte an Berlin zur Zeit der schwersten Krisen. Überall standen schreiende und gestikulierende Gruppen zusammen, während Zeitungsautomobile versuchten, die letzten noch gedruckten Exemplare hastig in die Stadt hinauszuschaffen.[4] Starke Polizeiaufgebote patrouillierten die Straßen, um sicherzustellen, dass keine neue Arbeit mehr begonnen wurde.[4] In Whitehall blieb das Gebäude des Unterhauses bis tief in die Nacht von einer vieltausendköpfigen Menge belagert. Diese sang Lieder und schwenkte rote Fahnen.[4]

Der Abbruch der mühsamen Schlichtungsbemühungen erfolgte unter dramatischen Umständen. Der eigentliche Funke am Pulverfass entzündete sich in einer Setzerei. Wie der Westfälische Merkur berichtet, erhob das Druckereipersonal der Daily Mail Einwände gegen einen für den Montag bestimmten Leitartikel unter der Überschrift „Für König und Vaterland“.[5] Dieser Artikel stellte die Behauptung auf, der Generalstreik sei keine arbeitsrechtliche Auseinandersetzung, sondern eine revolutionäre Bewegung, die von einer zivilisierten Regierung nicht geduldet werden dürfe.[5] Als der Herausgeber sich weigerte, den Text abzuändern, legte das Personal die Arbeit nieder.[5]

Premierminister Stanley Baldwin nutzte diesen Vorfall als Begründung für das Ende der diplomatischen Bemühungen. Er verkündete, die Regierung müsse die Vermittlung aufgeben, da es unmöglich sei, unter der Drohung eines Generalstreiks weiterzuverhandeln.[1] Die Vorfälle in der Druckerei und die Beschränkung der Pressefreiheit seien ein offener Stoß gegen das Grundgesetz des englischen Lebens.[1] Die Regierung stellte dem Gewerkschaftsrat ein Ultimatum und verlangte, dass dieser die Eingriffe in die Pressefreiheit sofort verurteile und die Streikanweisungen unbedingt zurückziehe.[5] J. H. Thomas, der Vertreter der Arbeiterpartei (Labour Party), nahm den Tadel der Regierung jedoch nicht übel. Er versicherte in einer versöhnlich klingenden Antwort die fortdauernde Bereitschaft seiner Gruppe zu Verhandlungen, sofern die Grubenbesitzer ihre Aussperrungen zurücknähmen.[1] Finanzminister Winston Churchill definierte den Standpunkt der Regierung abschließend: Keine Türe sei verschlossen; sobald der Gewerkschaftskongress die Herausforderung des Generalstreiks zurückziehe, werde das Kabinett unverzüglich an den Verhandlungstisch zurückkehren.[1]

Unterdessen trifft die englische Nation umfassende Vorbereitungen für das Leben im Ausstand. Der Hyde Park wurde in ein gigantisches Milchdepot verwandelt; von dort aus können täglich 200.000 Gallonen Milch verteilt werden, falls die reguläre Versorgung zusammenbricht.[6] Die Lebensmittelpreise werden durch Regierungserlass streng kontrolliert und dürfen das Preisniveau vom vergangenen Freitag nicht überschreiten.[6] Eine unmittelbare Hungerkrise wird nicht befürchtet. Lediglich bei frischem Gemüse und Obst rechnet man mit möglicher Knappheit, weshalb eilig Automobile an die Küste geschickt wurden, um Nachschub zu holen.[6] Die meisten Geschäfte kündigten an, geöffnet zu bleiben. In der Bevölkerung ist bereits wieder das aus dem Krieg bekannte Motto im Umlauf: Weitermachen, als ob nichts geschehen wäre.[6]

Da der Eisenbahnverkehr ruht, wird auf der südlichen Route nach Boulogne täglich ein Dampfer verkehren.[4] Die königlichen Luftstreitkräfte haben der Regierung zudem hundert Flugzeuge zur Verfügung gestellt, um wichtige Postsendungen und Passagiere zu befördern.[4] Auch der private Nachrichtendienst wird stark eingeschränkt; die Post mahnt zu größter Sparsamkeit bei Telegrammen und Telefongesprächen.[6] Als Ersatz übernimmt die englische Radiogesellschaft die Versorgung mit Kurznachrichten, die sie nun fünfmal täglich — um 10 Uhr vormittags, um 1 Uhr und 4 Uhr nachmittags sowie um 7 Uhr und 9:30 Uhr abends — sendet.[4]

In der Frage der Schuld zeigt sich die englische Presse gespalten. Die liberale Westminster Gazette sowie der Daily Chronicle werfen Baldwin vor, er habe durch seine unklare Haltung die Katastrophe erst heraufbeschworen.[5] Die letzte noch gedruckte Ausgabe der Daily News argumentiert, die Bergarbeiter hätten das Recht auf ihrer Seite, da man von ihnen massive Lohnopfer für leere Versprechungen einer späteren Reorganisation gefordert habe.[4] Der Kohlenbericht bleibe die einzige Grundlage für einen Neuaufbau; dieser könne jedoch nur von einer starken Regierung notfalls auch gegen den Widerstand der Unternehmer durchgesetzt werden.[4] Die konservative Morning Post wertet den Streik hingegen als Versuch, die Autorität des Staates zu untergraben und die parlamentarische Kontrolle durch eine Herrschaft der Massen zu ersetzen.[5]

Außerhalb Großbritanniens betrachtet man das Inselreich mit einer Mischung aus Bewunderung und Sorge. Das Hamburger Echo hebt den Zusammenhalt der englischen Organisationen hervor und betont, dass dieser Ausstand nichts mit Kommunisten oder deren Internationale zu tun habe.[2] An der Spitze stehen vielmehr die nüchternen, geschulten Führer der Arbeiterpartei, die an utopischer Literatenpolitik nicht interessiert seien.[2] Diese Einschätzung deckt sich mit Berichten, wonach sich die Arbeiterführer MacDonald und Thomas deutlich von den radikalen Rändern distanziert haben.[6] Die Kommunisten in London reagierten mit großer Furcht; gegen ihren Abgeordneten Saklatvala wurde bereits ein Haftbefehl erlassen, und die Parteiführung räumte ihr Hauptquartier in aller Eile.[6]

Im Gegensatz dazu jubelt die Moskauer Prawda über den Streik von viereinhalb Millionen englischen Arbeitern.[7] Das sowjetische Parteiorgan spricht von einer historischen Schlacht zwischen Kapital und Arbeit, in der sich der ursprünglich wirtschaftliche Kampf nun zwangsläufig auf das politische Gleis verlagere, während die britische Regierung verzweifelt Truppen und Flotte mobilisiere.[7] Ob die eiserne Disziplin der englischen Gewerkschaften die Belastungsprobe übersteht, bleibt abzuwarten; sicher ist jedoch, dass das britische Empire vor einer der schwersten innenpolitischen Zerreißproben seiner jüngeren Geschichte steht.