Die Kämpfe in der polnischen Hauptstadt sind beendet. Nach den schweren militärischen Auseinandersetzungen, die nach Berichten des Hamburger Echo in Warschau 205 Tote und 906 Verwundete gefordert haben, schweigen die Waffen.[1] Der bisherige Staatspräsident Stanisław Wojciechowski hat seinen Rücktritt eingereicht, um das Land vor einem Bürgerkrieg zu bewahren.[2] Wie der Pariser Temps meldet, hatten sich Präsident und Kabinett unter Premierminister Wincenty Witos angesichts der vorrückenden Truppen des Marschalls Józef Pilsudski zunächst in das Schloss Wilanow zurückgezogen.[2] Dort entschloss sich Wojciechowski zum Rücktritt. Daraufhin übernahm der Sejmmarschall Maciej Rataj verfassungsgemäß die Funktionen des Staatsoberhauptes.[2][3] Ein von Rataj, dem neuen Ministerpräsidenten und Pilsudski unterzeichneter Befehl ordnete die sofortige Einstellung aller feindseligen Handlungen an.[4] Das schwedische Hufvudstadsbladet schildert das fast friedliche Ende der offenen Konfrontation in einer bemerkenswerten Szene: Pilsudski und der scheidende Präsident Wojciechowski reichten einander die Hände; anschließend fuhr der eine ins Belvedere-Schloss, der andere nach Praga.[5]

Mit der Bildung einer neuen, vorläufigen Regierung wurde der Abgeordnete und Universitätsprofessor Kazimierz Bartel betraut.[6][7] Bartel gehört dem sogenannten Arbeitsklub an, einer Gruppierung, die sich vor einigen Monaten von der radikalen Bauernpartei abspaltete.[4][7] In dem neuen Kabinett, das laut dem Vorwärts bereits vereidigt ist, übernimmt Marschall Pilsudski selbst das Heeresministerium.[4] Das Ressort des Äußeren fällt an den früheren Gesandten in Rom, August Zaleski, nachdem Graf Aleksander Skrzynski eine Beteiligung überraschend abgelehnt hatte.[6][3] Zu den weiteren Ministern zählen General Wlodzianowski für das Innere, Unterstaatssekretär Czechowicz für die Finanzen und Professor Makowski für die Justiz.[6] Ministerpräsident Bartel betonte seinen strikt legalistischen Kurs und erklärte der Presse: „Meine Regierung ist berufen, die geschaffene Lage zu entwirren.“[4] Sie werde unbedingt auf verfassungsrechtlicher Grundlage stehen und bis zur baldigen Neuwahl des Präsidenten durch die Nationalversammlung im Amt bleiben.[4][7] Zur Beruhigung der inneren Lage ordnete Bartel die Freilassung des in der Warschauer Zitadelle internierten ehemaligen Eisenbahnministers Chondzynski an. General Sklandkowski führte diese Anordnung unverzüglich aus.[6] Die nationalen Minderheiten wurden bei der eiligen Regierungsbildung nicht konsultiert.[6]

Die politische Ausrichtung des neuen Regimes bleibt Gegenstand von Debatten. Nach Angaben der Prawda verlangen die polnischen Sozialdemokraten und die Bauernpartei Wyzwolenie die sofortige Auflösung des Sejms und die Bildung eines ausschließlich aus Linken bestehenden Kabinetts.[6][8] Darüber hinaus fordern sie eine strenge Bestrafung verschiedener früherer Minister, denen sie massive Korruption und den Missbrauch staatlicher Gelder vorwerfen. Dazu zählen Witos, Kucharski und Korfanty.[6][8] Der Vorwärts betont in diesem Zusammenhang, dass die wiederholten Skandale bei Lieferung und Musterung in der Armee die Abneigung gegen das alte System verstärkt hätten.[4] Dem Zentralorgan der sowjetischen Kommunisten zufolge lehnte die Polnische Sozialistische Partei das Angebot der Kommunistischen Partei zur Bildung einer gemeinsamen Einheitsfront strikt ab.[8] Erwartungen richten sich auch an die Provinz. Die agrarische Linke knüpft ihre Unterstützung für den Marschall an bestimmte Bedingungen: Pilsudski solle das Amt des Präsidenten selbst übernehmen und rasch eine Bodenreform verwirklichen.[8] Pilsudski selbst, so wird aus Warschauer Kreisen gemeldet, unterstützt hingegen die Forderung nach einem Linkskabinett nicht, sondern spricht sich für eine Regierungsbildung durch eine breite nationale Koalition aus.[8]

In Warschau herrscht Ruhe, doch die Lage in den westlichen Landesteilen bleibt unklar.[6] Besondere Besorgnis ruft die Haltung der Provinz Posen hervor, in der rechtsgerichtete Politiker gegen Pilsudski mobilmachen.[6] Wie das Berliner Tageblatt berichtet, wurden Posener Regimenter bei Zyrardow zusammengezogen. Aus diesem Grund ruht der Eisenbahnverkehr auf dieser Strecke.[6] Um zwischen der Führung in Warschau und dem Pilsudski feindlich gesinnten Westpolen zu vermitteln, reiste der Senatsmarschall Trampczynski nach Posen.[6][4] Eine Spaltung des Landes soll unbedingt vermieden werden. Die Gefahr, dass Posen zu einem reaktionären Sonderstaat — einer polnischen 'Vendée' — werden könnte, wird von Beobachtern ernst genommen.[4] Einen bemerkenswerten militärischen Erfolg konnte das neue Regime unterdessen verzeichnen: Der bisherige Gegner, General Wladyslaw Sikorski, stellte sich mit dem Lemberger Armeekorps dem Marschall Pilsudski zur Verfügung.[6]

Die diplomatischen und wirtschaftlichen Begleiterscheinungen des Umsturzes haben im Ausland große Aufmerksamkeit hervorgerufen. Die Badische Presse berichtet von erheblichen Gefahren für ausländische Missionen während der Straßenkämpfe.[9] So sollen die dänische und die britische Gesandtschaft durch Gewehr- und Granatfeuer schwer gelitten haben; das diplomatische Personal war tagelang in den Gebäuden eingeschlossen.[9] In den Finanzkreisen wurde ein außerordentlicher Sturz des Zloty beobachtet, was in der ausländischen Presse skeptische Einschätzungen zur wirtschaftlichen Stabilität auslöste.[9] Trotz dieser Umstände bewertet der Temps den Ausgang der Krise als Rückkehr zur Verfassung: Nachdem die alte Regierung ihre Entlassung eingereicht und der Präsident den Rücktritt vollzogen hatte, sei der Ausnahmezustand aufgehoben und der Weg zu verfassungsgemäßen Zuständen wieder eingeschlagen worden.[2] Die polnische Nation blickt nun auf den Zusammentritt der Nationalversammlung, die mit der Wahl eines neuen Staatspräsidenten das rechtliche Fundament der Republik endgültig wiederherstellen soll.[6][7]