Die staatliche Zersplitterung Chinas hat einen neuen, bedenklichen Höhepunkt erreicht. Wie das *Harburger Tageblatt* berichtet, hat der Gouverneur von fünf Provinzen — darunter die wirtschaftlich bedeutenden Gebiete Kiangsu und Tschekiang — sein Territorium für unabhängig von der Pekinger Zentralregierung erklärt.[1] Dieser Schritt erfolgt zu einer Zeit, in der die militärischen Auseinandersetzungen im Norden des Landes erneut an Schärfe gewinnen. Die politischen Allianzen der Kriegsfürsten wirken brüchiger denn je.[2]
In der unmittelbaren Umgebung Pekings ist die Lage über das vergangene Wochenende eskaliert. Nach Meldungen der *Deutschen Allgemeinen Zeitung* sind Truppen der Kuominchun-Armee unerwartet von Nankow aus vorgestoßen und haben die Ortschaft Chan Ping Chow, nur zwanzig Meilen nördlich der Hauptstadt, erobert.[3] Die Front der verbündeten Armeen Wu Peifus und Tschangtsolins (Zhang Zuolin) musste daraufhin in großer Eile zurückgenommen werden. Die Kämpfe finden nun kaum mehr als elf Meilen vor den Toren Pekings statt.[3] Am Sonntag war in der Hauptstadt heftiges Artilleriefeuer zu vernehmen.[3] Aus der *Washington Post* geht hervor, dass die Kuominchun-Truppen die Wiederherstellung einer Eisenbahnverbindung in der Provinz Schansi für sich beanspruchen. Dies könnte eine Verstärkung ihrer Front bei Peking ermöglichen.[4]
Die Offensive der Kuominchun erfolgt trotz ihrer scheinbar verzweifelten Versorgungslage im Nankow-Pass, in dem sie seit Wochen eingekesselt sind.[2] Ihr Vorstoß wird durch die zunehmenden Spannungen zwischen den beiden großen Militärmachthabern des Nordens, Marschall Wu Peifu und Marschall Tschangtsolin, begünstigt. Ausländische Beobachter in Peking rechnen laut der *China Mail* bereits damit, dass die beiden Verbündeten etwa im August oder September gegeneinander zu den Waffen greifen werden.[2] Diese Einschätzung wird dadurch bestärkt, dass Wus Truppen gegenüber der Kuominchun eine auffällige Untätigkeit zeigen, wie aus amerikanischen Berichten hervorgeht.[4]
Im Süden rüstet unterdessen die Kantoner Regierung für ihre seit Langem angekündigte Militärexpedition nach Norden. Die Gesamtzahl der Truppen Kantons wird auf etwa 100.000 Mann geschätzt, von denen die Hälfte am Feldzug teilnehmen soll.[3] Rund 25.000 Soldaten sind bereits an der Grenze zur Provinz Kiangsi konzentriert worden.[3] Der Vormarsch verzögert sich jedoch, da der Oberbefehlshaber der Kantontruppen, General Tan Kaitschek (Chiang Kai-shek), die Lage in seiner eigenen Machtbasis noch nicht für gesichert hält.[3] Er beabsichtigt offenbar, vor dem Abrücken seiner Hauptkräfte zunächst den Gouverneur der Provinz Hunan auszuschalten.[3]
Die militärischen Vorbereitungen im Süden verursachen erhebliche Unruhe in der Bevölkerung. Dem *Hong Kong Telegraph* zufolge kursieren in der Provinz Kwangtung Gerüchte über eine bevorstehende Invasion aus den benachbarten Provinzen Hunan, Kiangsi und Fukien. Dies versetzt die Einwohner in große Bestürzung.[5] Die angespannte Lage spiegelt sich auch in der Wirtschaft wider. So sah sich die Handelskammer in Swatow nicht in der Lage, die von den Militärs geforderte Summe beizubringen, und konnte nur etwa ein Drittel des geforderten Betrages bereitstellen.[5] Auch aus Hongkong wird eine zunehmende Geldknappheit gemeldet, da alte Kredite fällig werden, die im Zusammenhang mit dem Streik des Vorjahres aufgenommen worden waren.[3] Beobachter in Peking sehen angesichts dieser Entwicklungen im ganzen Land keine Aussicht auf eine rasche Beruhigung. Vielmehr erwarten sie weitere Kämpfe, anhaltendes politisches Chaos und eine drohende Hungersnot.[2]