Der militärische Zusammenbruch der Riff-Republik und die Gefangennahme ihres Führers Abd el Krim haben die Marokkofrage keineswegs gelöst. Vielmehr ist sie auf eine neue, heikle Ebene internationaler Diplomatie gehoben worden. Wie aus der nordafrikanischen Vertretung der Vereinigten Staaten gemeldet wird, sind nun neben Frankreich und Spanien auch England, Italien und die Vereinigten Staaten in die komplizierten Verhältnisse verwickelt.[1] Die Telegrafenleitungen zwischen den Konsulaten in Marokko und den Außenministerien der fünf Mächte stehen unter erheblicher Anspannung.[1]
Die Hauptursache der Spannungen liegt im Bestreben Spaniens, von Italien unterstützt, eine internationale Marokko-Konferenz zu erzwingen, um die politische Neuordnung der Region zu beraten.[1] Dieser Vorstoß stößt jedoch auf den entschiedenen Widerstand Englands und Frankreichs, die beide ein Interesse daran haben, den bestehenden Status quo zu wahren.[1] Aus zuverlässigen Kanälen verlautet zudem, dass Madrid mit dem milden Vorgehen der Pariser Behörden gegenüber dem gefangenen Abd el Krim unzufrieden ist.[1]
Auch in Washington wird die Entwicklung aufmerksam verfolgt. Laut der Washington Post hat das amerikanische Außenministerium eine solche Lage seit mehreren Monaten vorausgesehen und prüft sorgfältig, ob eine Beteiligung der Vereinigten Staaten an einer etwaigen Konferenz zweckmäßig wäre.[1] Ebenso wird in London eine baldige öffentliche Erklärung des britischen Außenministers, Sir Austen Chamberlain, erwartet. Diese soll die Haltung seiner Regierung klarlegen.[1]
Die französische Regierung in Paris hat inzwischen ihre Position unmissverständlich dargelegt. Dem Pariser Temps zufolge hat Ministerpräsident Briand in der Abgeordnetenkammer klargestellt, dass Frankreich unter keinen Umständen bereit ist, mit Abd el Krim als gleichberechtigtem Partner zu verhandeln.[2] Friedensgespräche werde man ausschließlich mit den Stämmen des Rifs und der Dschebala führen, nicht jedoch mit dem Mann, der nur noch als „besiegter Abenteurer“ gelte.[2] Paris und Madrid, die den Krieg gemeinsam geführt haben, wollen auch den Frieden nur gemeinsam und im Rahmen der bestehenden Verträge schließen.[2]
Die Versuche Abd el Krims, über den britischen Emissär Gordon Canning Verhandlungen anzubahnen, sind damit endgültig gescheitert. Ministerpräsident Briand bezeichnete Canning als einen „Amateurdiplomaten“, dessen eigentliches Ziel es gewesen sei, mit Hilfe der öffentlichen Meinung Druck auf die französische Regierung auszuüben.[2] In Pariser Regierungskreisen wird vermutet, dass hinter diesen Vermittlungsversuchen konkrete wirtschaftliche Interessen standen, insbesondere die Vergabe von Bergwerkskonzessionen im Rif, die ein anerkannter Abd el Krim hätte vornehmen können.[2]
Frankreich sieht die militärischen Operationen als eine erzwungene Verteidigung gegen eine Aggression an, die die französischen Protektoratsgebiete und die Autorität des Sultans bedrohte.[2] Nachdem die französischen und spanischen Truppen die Lage zu ihren Gunsten entschieden haben, streben beide Mächte eine dauerhafte Befriedung an, die jede weitere Auflehnung unmöglich machen soll. Die politische Zukunft Abd el Krims persönlich bleibt dabei eine offene, jedoch für die Gesamtregelung nachrangige Frage.[2]