Vor der deutschen Küste liegt die friesische Insel Borkum, bekannt für ihr heilkräftiges Seeklima. Bis vor kurzem amtierte dort ein protestantischer Pfarrer namens Münchmeyer, der sich zwei Betätigungsfelder gewählt hatte: die Hetze gegen Juden und die Hetze gegen Katholiken.[1] Die Wirkung dieser seelsorgerischen Tätigkeit zeigte sich unter anderem darin, dass jüdische Badegäste es vorzogen, einen Kurort zu meiden, an dem sie Pöbeleien und Tätlichkeiten befürchten mussten.[1]

Eine Broschüre, die Münchmeyer scharf angriff, zwang ihn schließlich zur Klage — und dieser Prozess wurde zu seiner Entlarvung. Das Gericht beleuchtete Charakter und Moralität des Pfarrers auf eine Weise, die ihn veranlasste, sein Amt niederzulegen, bevor seine vorgesetzte Behörde ihn hätte entheben können.[1] Unter den Vergehen, die im Verfahren zur Sprache kamen, befand sich die falsche Behauptung, Medizin studiert zu haben, um unter diesem Vorwand die Wunde einer jungen Dame an ungehöriger Stelle zu berühren.[1] Auch Spaziergänge in die Dünen, bei denen er einer Begleiterin das Liebesleben von Hunden zu demonstrieren suchte, wurden protokolliert.[1]

Das Berliner Tageblatt würdigt in einem Nachwort zum Prozess zwei Lichtblicke in dem widerwärtigen Verfahren: die vorbildliche Unparteilichkeit des Gerichts sowie die kluge und vornehme Führung der Verteidigung durch Rechtsanwalt Weil aus Berlin.[1] Eine Broschüre über den Prozess ist im Verlag des Vorwärts-Beobachters für eine Mark erschienen.[1]

Das Blatt hält abschließend fest, dass der Fall Münchmeyer kein Einzelfall sei, sondern ein Muster bestätige: Die Verbindung von aufhetzender antisemitischer Agitation mit persönlicher moralischer Beflecktheit sei die Fabrikmarke des modernen politischen Antisemitismus. Wer sich ehrlicher Selbstprüfung unterzöge, könne nicht andere pauschal verketzen.[1]