Die ungelöste territoriale Streitfrage erweist sich weiterhin als das schwerwiegendste Hindernis für eine Befriedung Osteuropas.[1] Laut der Moskauer Prawda widmet das litauische Regierungsblatt Lietuva den diplomatischen Spannungen im Baltikum derzeit größte Aufmerksamkeit. Zahlreiche Versuche, eine politische Annäherung der baltischen Staaten zu erreichen, seien bisher an den Hegemoniebestrebungen Polens gescheitert.[1] Ohne eine gerechte Lösung des Streits um Wilna sei an ein dauerhaftes Gleichgewicht in diesem Teil der Welt nicht zu denken.[1]

In einer scharfen Replik auf das christlich-demokratische Oppositionsblatt Rytas umriss das Kownoer Regierungsblatt die diplomatische Neuausrichtung Litauens. Die Regierung habe den einzig richtigen Kurs eingeschlagen, als sie eine engere wirtschaftliche und politische Anlehnung an Deutschland und die Sowjetunion suchte.[1] Geografie und Tradition zwingen das kleine Land demnach dazu, seine historischen Hauptmärkte im Osten und Westen zu sichern. Zugleich bemüht man sich um britische Wirtschaftsbeziehungen.[1] Ein separates Abkommen zwischen Kowno und Moskau wird offenbar vorbereitet, was in Warschau erhebliche Nervosität verursacht. Eine Stärkung der internationalen Position Litauens macht die polnischen Hoffnungen auf eine Dominanz über den nördlichen Nachbarn zunichte.[1]

Dem Westfälischen Merkur zufolge bemüht sich der polnische Ministerpräsident Bartel (Kazimierz Bartel) unterdessen, die Befürchtungen des Auslands zu zerstreuen. In einer großen Senatsrede zur Verfassungsänderung beteuerte er unlängst die absolute Friedfertigkeit der polnischen Außenpolitik.[2] Bartel verwies zudem auf das unverbrüchliche Bündnis mit Frankreich, das durch enge Beziehungen zu Staatsmännern wie Poincaré (Raymond Poincaré) und Briand (Aristide Briand) verbürgt sei.[2]

Trotz dieser diplomatischen Beschwichtigungen treibt Warschau die innere Militarisierung voran, was den litauischen Verdacht weiter nährt. Wie die Neue Freie Presse meldet, hat die polnische Regierung den Posten eines Generalinspekteurs der Armee geschaffen, den Marschall Pilsudski (Józef Piłsudski) übernehmen wird.[3] Dieses neue Amt sichert dem Marschall eine weitgehende Unabhängigkeit von Kabinett und Parlament.[3] Im Kriegsfall rückt er automatisch zum unumschränkten Oberbefehlshaber der Armee auf.[3] Die formelle Bündelung der militärischen Macht in den Händen eines einzigen Mannes dürfte die litauischen Sorgen vor einem erneuten Ausgreifen des polnischen Imperialismus kaum mindern.