Die französische Regierung unter Ministerpräsident Poincaré steht an einem entscheidenden Wendepunkt ihrer Finanzpolitik. Betrachtet man die Blätter aus den verschiedensten politischen Richtungen der Hauptstadt, so entsteht rasch der Eindruck, dass der Regierungschef und seine Anhänger die Ratifikation der Londoner und Washingtoner Schuldenabkommen inzwischen als zwingende Voraussetzung für die Sanierung der Währung ansehen.[1] Es könnte der Eindruck entstehen, die Regierung sei bereits dabei, eine umfangreiche ausländische Anleihe aufzunehmen, um sich jene Devisenvorräte zu sichern, die für eine erfolgreiche Stabilisierungsaktion unerlässlich sind.[1] Die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet jedoch, dass in parlamentarischen Kreisen weit weniger Gewissheit herrsche.[1] Dort bezweifelt man, dass Poincaré noch vor Beginn der Parlamentsferien ernsthaft auf die Ratifizierung dringen wird.[1] Vielmehr nehmen gut informierte Beobachter an, der Ministerpräsident werde alles daran setzen, die Rettung des Franken möglichst unabhängig von ausländischer Hilfe zu gestalten.[1] Sollte dies nicht gelingen, wolle er zumindest die Unterstützung der angelsächsischen Hochfinanz vermeiden.[1]

Dem Harburger Tageblatt zufolge setzt sich in der Regierung jedoch allmählich die bittere Erkenntnis durch, dass eine ausschließlich nationale Finanzpolitik inzwischen in eine Sackgasse geraten ist.[2] Die bisherigen Instrumente — rasch verabschiedete Steuervorlagen, die Errichtung einer weitreichenden Amortisierungskasse, die Umwandlung des staatlichen Tabakmonopols in eine Aktiengesellschaft sowie der direkte Kauf von Devisen durch die Bank von Frankreich — haben sich als unzureichend erwiesen, um den Verfall des Franken aufzuhalten.[2] Man kann sich den inneren Konflikt vorstellen, der Poincaré beschäftigt, da er sich doch entschließen muss, den einzig vielversprechenden Weg zur Währungsstabilisierung zu beschreiten: die Aufnahme internationaler Kredite und die damit verbundene formelle Anerkennung der Kriegsschulden gegenüber England und Amerika.[2]

Die parlamentarische Arbeit an den innerfranzösischen Notmaßnahmen schreitet derweil planmäßig voran. Wie das Berliner Tageblatt meldet, hat der Senat den Gesetzentwurf über die Errichtung der Tilgungskasse mit 281 gegen lediglich acht Stimmen gebilligt.[3] Zuvor hatte der Ministerpräsident den Senatoren erläutert, dass das öffentliche Vertrauen die unverzichtbare Grundlage sei, um die Gefahr schwebender Schulden und unvorhersehbarer Rückzahlungsforderungen abzuwehren.[3] Da es an ausreichenden Einnahmequellen fehle, habe sich die Regierung zunächst auf die dringendste Aufgabe konzentrieren müssen, nämlich auf die Deckung der nationalen Verteidigungsbons und der kurzfristigen Schatzscheine.[3] Ein zweiter Gesetzentwurf, der die Bank von Frankreich zu Devisenankäufen und zur entsprechenden Notenausgabe im Ausland ermächtigt, passierte den Senat nach einer kurzen Rede des Berichterstatters Chéron mit 271 gegen elf Stimmen.[3] Da der Finanzausschuss den Text der ersten Vorlage geringfügig abänderte, muss das Dokument nochmals an die Kammer zurückverwiesen werden.[3] Diese Entwicklungen spiegelten sich an den Devisenmärkten in starken Schwankungen wider: Nach einer festeren Eröffnung gaben die Kurse im freien Verkehr nach, sodass bei Bankenschluss das Pfund Sterling mit 182 und der Dollar mit 33,32 Franken notiert wurden.[3]

Trotz der eindrucksvollen Mehrheiten im Senat ruft die Erwartung einer baldigen Ratifizierung der ausländischen Schuldenabkommen in den Wandelgängen der Deputiertenkammer große Erregung hervor.[4] Besonders jene Fraktionen, die das Kabinett stützen, üben erheblichen Druck auf den Regierungschef aus.[4] Nach Angaben der Badischen Presse sandte die konservative „Union Républicaine Démocratique“ eine Abordnung zu Poincaré, und auch die republikanisch-demokratische Linke entsandte ihren Fraktionsführer Flandin mit der unmissverständlichen Erklärung, das Washingtoner Abkommen sei in seiner aktuellen Form unannehmbar.[4] Die Parlamentarier fordern die Aufnahme einer Schutzklausel sowie verlässliche Transferbestimmungen durch die amerikanische Regierung.[4] Der Abgeordnete Morineaud, der kürzlich eine „interparlamentarische Gruppe für das Volksheil“ ins Leben gerufen hat, der sich rund 270 Deputierte anschlossen, suchte ebenfalls Poincaré auf.[1] Er übermittelte den dringenden Wunsch seiner Fraktion, die Ratifizierung des Washingtoner Abkommens vollständig abzulehnen und die Stabilisierung stattdessen auf Grundlage nationaler Selbsthilfe zu vollenden.[1] Poincaré nahm diese Forderung zur Kenntnis, ohne jedoch eine bindende Zusage zu machen.[1]

In dieser von Unsicherheit geprägten Lage entstehen vielfältige Spekulationen über alternative Finanzierungsquellen. Eine Meldung der amerikanischen Zeitung „New York World“ erregte große Aufmerksamkeit. Sie berichtete, die französische Regierung beabsichtige, deutsche Eisenbahn- und Industrieobligationen aus dem Dawes-Plan im Wert von zwei Milliarden Dollar rasch zu verkaufen.[4] Ein solches Vorhaben ist jedoch mit erheblichen praktischen Schwierigkeiten behaftet, da der Treuhänder für die deutschen Reparationszahlungen in seinem jüngsten Jahresbericht darauf hingewiesen hat, dass der Weltmarkt kaum in der Lage sei, eine Emission von insgesamt acht Milliarden an Schuldverschreibungen aufzunehmen.[4] Das französische Außenministerium am Quai d'Orsay sah sich gezwungen, die angebliche Verbindung der Ratifikationsfrage mit den deutschen Obligationen offiziell zu dementieren.[1] Ebenso wies das Pariser Finanzministerium Berichte energisch zurück, wonach die Regierung gegenwärtig in Amerika Unterhandlungen für eine neue Anleihe führe.[1] Gleichzeitig wurde bekannt, dass der französische Botschafter Bérenger, der sich seit geraumer Zeit in Paris aufhält, demnächst auf seinen Posten in Washington zurückkehren wird.[1]

Die endgültige Entscheidung darf derweil nicht länger aufgeschoben werden. Am morgigen Tag tritt ein Ministerrat zusammen, der verbindliche Beschlüsse über das weitere Vorgehen fassen soll.[4] In Regierungskreisen hofft man, dass Washington sich mit einer Ratifizierung ausschließlich durch die französische Kammer begnügt und nicht auf einer formellen Zustimmung des Senats besteht.[4] Sollte dieser diplomatische Schritt gelingen, erwartet man in Paris die schnelle Gewährung eines amerikanischen Stützungskredits, dessen Volumen auf 150 bis 250 Millionen Dollar geschätzt wird.[4] In der City of London begegnet man den französischen Rettungsversuchen mit deutlicher Skepsis. Britische Finanzkreise beanstanden, dass keiner der bisherigen Vorschläge des Premierministers die drängenden Probleme an der Wurzel erfasse: die volle Stabilisierung der Währung und die rasche Konsolidierung der schwebenden Staatsschulden.[4]

Dass die langwierigen diplomatischen Verhandlungen über die Schuldenlast nicht allein das politische Gefüge belasten, sondern auch die beteiligten Personen schwer beanspruchen, zeigt eine tragische Nachricht aus der französischen Provinz. Wie der Nieuwe Rotterdamsche Courant meldet, sind der bekannte französische Bankier Jules Descamps und seine Frau bei einem schweren Automobilunglück in der Nähe von Limoges ums Leben gekommen.[5] Descamps hatte als hochrangiger finanzpolitischer Berater vor Kurzem die Minister Raoul Péret und Joseph Caillaux zu den schwierigen Verhandlungen über die französische Kriegsschuld nach London begleitet.[5]