Zum ersten Mal seit 42 Jahren, und zum dritten Mal überhaupt in der Geschichte der Republik, trat die französische Nationalversammlung im Schloss von Versailles zusammen.[1] Das historische Gebäude und seine weiten Gärten blieben für Neugierige sowie Touristen während der Sitzung strengstens abgeriegelt; starke Abteilungen der Gendarmerie sicherten das weitläufige Gelände.[2][1] Der Anlass für diese außerordentliche Zusammenkunft von Senat und Kammer war ein finanzpolitischer Akt von weitreichender Bedeutung: Die Einfügung der Autonomie der sogenannten Amortisationskasse — der Kasse zur Verwaltung der kurzfristigen Schatzscheine und zur Tilgung der öffentlichen Schuld — in die Verfassung.[3][1] Damit soll das Herzstück der Finanzreform der Regierung vor den wechselhaften Eingriffen künftiger Gesetzgeber dauerhaft geschützt werden.[1]

Ministerpräsident Raymond Poincaré trat vor die versammelten Abgeordneten, um das Sanierungswerk zu verteidigen. Er verlas den aus einem einzigen Artikel bestehenden Entwurf, der die finanzielle Stabilität Frankreichs nach den schweren Währungsturbulenzen der letzten Monate garantieren soll.[3] Der Tilgungskasse werden demnach weitreichende und absolut sichere Einnahmequellen zugewiesen, bis alle ausgegebenen Papiere der nationalen Verteidigung vollständig getilgt sind.[3] Dies umfasst in erster Linie die Einnahmen aus dem staatlichen Tabakmonopol sowie den Ertrag aus einmaligen Steuern bei Eigentumswechseln, der Erbschaftsteuer und etwaigen freiwilligen Abgaben.[3][2] Poincaré wies in seiner von lebhafter Bewegung begleiteten Rede die Vorwürfe der linken Opposition entschieden zurück.[4] Die Behauptung, durch eine einmalige Kapitalabgabe ließe sich die Finanzkrise beheben, sei durch die Ereignisse in anderen Staaten mehrfach widerlegt worden.[4] Wer zu dieser drastischen Maßnahme greife, müsse erfahrungsgemäß nach kurzer Zeit zu einer zweiten oder gar dritten Abgabe schreiten.[4]

Die eigentliche Ursache der französischen Misere sei die gewaltige Menge an kurzfristigen Schatzscheinen im Umlauf sowie, in letzter Konsequenz, der Umstand, dass Deutschland seinen Reparationsverpflichtungen nicht pünktlich nachgekommen sei. Diese Bemerkung löste stürmischen Beifall auf der rechten Seite aus.[4] Der Kongress in Versailles diene nicht dazu, der Regierung moralisches Prestige zu verleihen, sondern stelle einen feierlichen Akt dar, um das Statut der Tilgungskasse unverrückbar festzulegen.[4] Wie die in Moskau erscheinende Prawda in ihrer Berichterstattung besonders hervorhebt, betonte Poincaré auch die internationale Außenwirkung: Das in den letzten fünfzehn Tagen vom Parlament gezeigte Zusammenwirken werde das Vertrauen der ausländischen Gläubiger in den Franken wiederherstellen.[5]

Während einer Sitzungspause entspannte sich die zuvor angespannte Atmosphäre etwas. Ministerpräsident Poincaré, Außenminister Aristide Briand, Justizminister Louis Barthou und der Präsident der Nationalversammlung, de Selves, stellten sich den Fotografen im Rahmen eines großen Fensters im Schloss zur Aufnahme.[2] Gegen Mittag begaben sich die Parlamentarier in kleinen Gruppen zum Déjeuner; im bekannten Restaurant „Réservoirs“ herrschte reges Gedränge, wobei das Verhalten der Parteiführer von den Anwesenden aufmerksam beobachtet wurde.[2]

Die Sitzung selbst verlief jedoch nicht in völliger Harmonie. Vielmehr war sie von scharfen Auseinandersetzungen und einer konsequenten Obstruktionstaktik der äußersten Linken geprägt.[6][1] Der Präsident des Senats, de Selves, der die Versammlung leitete, versuchte von Beginn an, die Debatte durch die restriktive Übernahme der strengen Geschäftsordnung aus dem Jahre 1871 zu straffen.[7] Dies stieß auf heftigen Widerstand der sozialistischen und kommunistischen Fraktionen. Der Abgeordnete Pierre Renaudel protestierte scharf gegen diese Art der Geschäftsgebarung und forderte die uneingeschränkte Wahrung der Minderheitenrechte in der Versammlung.[7]

Die Kommunisten hatten zunächst eine vollständige Revision der Verfassung beantragt, bei der die Befugnisse des Senats beschnitten werden sollten.[3][1] Dieser weitreichende Antrag wurde in offener Abstimmung mit 690 gegen 175 Stimmen abgelehnt.[3] Daraufhin schlug der sozialistisch-republikanische Abgeordnete Émile Morinaud vor, die Geschäftsordnung so zu ergänzen, dass bei Anträgen auf Schluss der Debatte nur noch jeweils ein Redner für und gegen den Antrag mit auf fünfzehn Minuten begrenzter Redezeit zugelassen werden solle.[3] Morinaud begründete diesen Vorstoß damit, dass die Mehrheit der Parlamentarier keine Obstruktion einer kleinen Minderheit dulden dürfe.[3] Sein Antrag wurde mit 515 gegen 374 Stimmen angenommen.[3] Im Anschluss musste eine Kommission zur Prüfung des Regierungsentwurfs eingesetzt werden. Dazu lagen drei verschiedene Vorschläge vor.[3] Schließlich wurde der Antrag des Abgeordneten Bonnefous über die Zusammensetzung des Ausschusses angenommen.[3] Danach wählten die Finanzausschüsse in Kammer und Senat, die zusammen aus 77 Mandatsträgern bestehen, dreißig Mitglieder — zehn Senatoren und zwanzig Abgeordnete — unter sich aus, darunter prominente Sozialisten wie Léon Blum.[3][7] Der sozialistische Parteiführer erklärte im Namen seiner Fraktion unmissverständlich, dass seine Partei gegen einen Entwurf stimmen werde, der ihrer Ansicht nach das finanzielle Ziel verfehle.[5]

Die Erbitterung der Kommunisten erreichte am Nachmittag ihren Höhepunkt. Als der kommunistische Abgeordnete Jacques Doriot die Nationalversammlung als Vertreterin des „reaktionärsten Kapitalismus“ angriff, rief ihn der Präsident mehrfach zur Ordnung.[4] Doriot ließ sich nicht beirren und rief in den anschwellenden Lärm hinein, eine Versammlung wie die hiesige habe im Jahre 1871 die Kommune blutig niedergeschlagen.[4] Daraufhin entzog ihm de Selves das Wort. Doriot weigerte sich jedoch, die Rednertribüne zu verlassen.[4] Seine Parteikollegen unterstützten ihn durch gewaltsames Pultschlagen, schrille Pfiffe und lauten Lärm. Sie sangen die „Carmagnole“.[4] Der Tumult war unbeschreiblich.[4] Der Präsident verließ den Saal. Vor der Rednertribüne entstand ein Handgemenge zwischen eilig herbeigerufenen Saaldienern und den kommunistischen Abgeordneten.[4] Nach seiner Rückkehr setzte der Präsident die Alarmglocke in Bewegung.[4] General Poltier, der militärische Befehlshaber im Hause, betrat mit einer Abteilung der Nationalgarde den Saal und forderte Doriot unmissverständlich auf, die Tribüne sofort zu verlassen.[6] Unter dem Protest seiner Fraktion wurde Doriot entfernt, woraufhin die Linke die „Internationale“ sang, während das Zentrum und die Rechte mit der „Marseillaise“ antworteten.[4][6]

An einen geordneten Fortgang der Debatte war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken. Während ein lautes Pfeifkonzert und Trommeln auf die Pultdeckel ertönten, wurden sämtliche Paragrafen der Regierungsvorlage in kurzer Folge durch Handaufheben angenommen.[4] Der Berichterstatter, Senator Henry Chéron, wertete die formelle Zustimmung der Kommission als klaren Beweis des Vertrauens in die Politik zur Wiederherstellung der französischen Finanzen.[5] Die Endabstimmung, deren Ergebnis im anhaltenden Lärm kaum verstanden werden konnte, brachte schließlich den erwarteten deutlichen Sieg für die Regierung: Mit 671 gegen 144 Stimmen billigte die Nationalversammlung die Aufnahme des Statuts der Amortisationskasse in die Verfassung.[4]

Die Reaktionen der französischen Presse sind geteilt. Laut dem Berliner Tageblatt verurteilen die bürgerlichen Blätter das Verhalten der Kommunisten scharf, bedauern aber gleichzeitig den Prestigeverlust des Parlaments durch diese ungeordneten Szenen.[6] Die linksbürgerliche Zeitung L'Oeuvre merkt an, die zahlreichen Zwischenfälle hätten ein Schauspiel geboten, das das Ansehen der Volksvertretung nicht hebe.[6] Nach Ansicht des Parteiorgans der Kommunisten, der Humanité, glich die Sitzung einer „Komödie vor dem Drama“.[6] Der Abgeordnete Marcel Cachin schrieb dort, die Einberufung sei eine bloße Inszenierung Poincarés gewesen, um eine Tilgungskasse mit großem Pomp zu umgeben, die letztlich ohnehin keine Schulden tilgen werde.[6]