Das Reichskabinett ist heute Vormittag nach der Sommerpause erstmals wieder zu einer großen Beratung zusammengetreten. Im Zentrum der Erörterungen stand ein ausführliches Exposé des Reichsaußenministers Dr. Stresemann über die außenpolitische Lage. Hierbei ging der Minister detailliert auf die Verhandlungen ein, die der deutsche Botschafter in Paris, Dr. von Hoesch, derzeit mit der französischen Regierung führt.[1] Gegenstand dieser diplomatischen Gespräche, die sich in erster Linie um die Rückwirkungen des Vertrages von Locarno drehen, ist die erhoffte Verminderung der Besatzungsarmee im Rheinland.[1]

Die genaue Stärke der Besatzungstruppen war in der jüngeren Vergangenheit wiederholt Gegenstand unterschiedlicher Berechnungen. Anfang des Jahres hatte die französische Seite die Truppenstärke auf 75.000 Mann beziffert, während deutsche Stellen von 80.000 ausgingen.[1] Die anfängliche Differenz erklärte sich nach Ansicht von Beobachtern vor allem daraus, dass die Franzosen einen Teil der Nebenformationen in ihren Berechnungen nicht berücksichtigten und die Besatzung des Brückenkopfes Kehl kurzerhand der elsässischen Armee zurechneten.[1] Inzwischen hat sich die Sachlage jedoch offenkundig gewandelt. Laut dem Pariser Figaro belaufen sich die alliierten Streitkräfte in der zweiten und dritten Zone derzeit auf rund 70.000 Mann. Davon entfallen 58.000 auf französische, 12.000 auf britische und belgische Soldaten.[2][3] Dem Temps zufolge wird nun eine Reduzierung der französischen Kontingente um etwa 6000 bis 8000 Mann erwogen.[2][3] Dies würde die Gesamtzahl der alliierten Besatzungstruppen bis Mitte September auf ungefähr 60.000 Mann senken.[4][2] Bereits von Mitte März bis Mitte Juli registrierten deutsche Stellen den Abtransport von etwa 4000 Mann ohne Ersatzstellung.[1]

Die in Aussicht gestellte Truppenverminderung ist allerdings an strikte Bedingungen geknüpft. Wie die Neue Freie Presse aus gut unterrichteten Kreisen in Paris meldet, machen die alliierten Regierungen weitere Zugeständnisse von festen Zusagen der Berliner Regierung abhängig.[4] Es wird gefordert, dass Deutschland der Agitation nationalistischer Geheimverbände auf dem linken Rheinufer mit aller Entschiedenheit entgegentritt.[4] In der französischen Berichterstattung finden insbesondere die jüngsten Vorfälle in Germersheim Erwähnung, die in Paris den Exzessen völkischer Gruppierungen zugeschrieben werden.[2] Ferner verlangt Frankreich Garantien für den Schutz derjenigen Personen, die mit der interalliierten Rheinlandkommission loyal zusammengearbeitet haben — eine unmissverständliche Anspielung auf die rheinischen Separatisten.[1][2]

Das Pariser Regierungsblatt betont nachdrücklich, dass die moralische Abrüstung die erste Bedingung für jede Annäherung sei, und dass die militärische Besetzung nicht völlig gegenstandslos werden dürfe.[2] Dennoch drängt der Reichskommissar für die besetzten Gebiete, Baron Landwerth von Simmern, auf eine Konzentration der Truppen in wenigen großen Garnisonen. Dieses Vorgehen soll eine sogenannte unsichtbare Okkupation ermöglichen.[3] Fernziel der deutschen Verhandlungsführung bleiben jedoch die umstrittenen sogenannten ‚chiffres normaux‘ — das heißt die weitreichende Reduzierung auf die üblichen deutschen Friedensstärken in diesen Gebieten.[1]

In Regierungskreisen betrachtet man die Forderungen des französischen Außenministers Briand mit deutlicher Zurückhaltung.[1] Zusätzlich befürchtet Berlin offenbar, dass auch nach dem bevorstehenden Völkerbundbeitritt eine Beibehaltung der interalliierten Kontrollkommission die öffentliche Meinung im Reich weiterhin belasten würde.[1] Aus diesem Grund weitet der Außenminister seine diplomatischen Bemühungen nun auf London, Rom und Brüssel aus.[1] Aus dem Berliner Tageblatt geht hervor, dass Dr. Stresemann in den nächsten Tagen zu einer Unterredung mit dem britischen Botschafter Lord d'Abernon zusammentreffen wird, um die britische Haltung in dieser Frage zu erkunden.[1] Der Weg zu einer spürbaren Erleichterung der Rheinlandbesatzung hängt nunmehr von den Ergebnissen dieser vertraulichen Konsultationen ab.