Die strategische Landkarte der chinesischen Republik hat sich in den vergangenen Tagen drastisch verschoben. Wie übereinstimmende Berichte aus dem Zentrum der Kämpfe melden, ist die sogenannte erste Phase der kantonesischen Großoffensive mit einem durchschlagenden Erfolg der südlichen Armeen zu Ende gegangen.[1] Die Truppen der Kantonesen haben die gewaltige Dreistädtestadt am Jangtseknie — bestehend aus Hankau, Wutschang und Hanyang — nahezu vollständig besetzt.[2][1] Hanyang beherbergt das größte Waffenarsenal des gesamten Landes; der Verlust dieser bedeutenden Anlage dürfte für die Nordarmeen kaum zu verschmerzen sein.[1] Marschall Wupeifu (Wu Peifu), der die Verteidigungslinien in dieser Region kommandierte, musste sich nach hartnäckigen Straßenkämpfen geschlagen geben. Er ist mit den Resten seiner Armee in Richtung der Provinz Honan geflohen.[3][1][4]

Das Ausmaß der Niederlage der Nordarmee wird durch Schilderungen aus Wutschang deutlich. Dort setzten die Kantonesen tagelang ihre Artillerie gegen die Stadtmauern ein.[5] Kanonenboote Wupeifus bemühten sich zwar, das Feuer vom Fluss aus zu erwidern und den vorrückenden Feind zurückzudrängen, jedoch erwies sich der Widerstand als unzureichend.[5] Eine Meldung des Hong Kong Telegraph verweist auf die vollständige Demoralisierung der nördlichen Truppen; ihre Loyalität war bereits vor dem endgültigen Fall der Hanyang-Hügel ins Wanken geraten.[3] Offenbar sah sich Wupeifu in seiner Verzweiflung gezwungen, flüchtige Soldaten seines eigenen Heeres standrechtlich erschießen zu lassen, um die zusammenbrechende Front zu stabilisieren.[3]

Mit dem Fall von Hankau geraten die wirtschaftlichen Interessen der europäischen und amerikanischen Mächte unmittelbar in schwere Mitleidenschaft. Hankau, obwohl achthundert Kilometer von Schanghai entfernt im Landesinneren gelegen, bildet mit der Küstenmetropole einen untrennbaren wirtschaftlichen Zusammenhang.[2] Die Prawda meldet, die kantonesischen Behörden hätten die ausländischen Konsuln in Tschangscha bereits in Kenntnis gesetzt, dass der Lauf des Jangtsekiang durch Minen gesperrt sei.[6] Dies trifft den Außenhandel im Kern: Amerikanische und englische Gesellschaften, die Petroleum ins Innere bringen, sowie zahlreiche deutsche Firmen, die den Antimonexport flussabwärts kontrollieren, stehen vor dem Ruin ihrer diesjährigen Unternehmungen.[2] Die Sperrung des Flusses trifft allein rund zwanzig deutsche Niederlassungen in Hankau hart und legt das Geschäft in Tschangscha still.[2] Aus dem Berliner Tageblatt geht hervor, dass die Kantontruppen ein von ausländischem Einfluss freies China anstreben. Sie setzen ihren Boykott gegen die Kronkolonie Hongkong unbeirrt fort, um England eines Tages die Bedingungen für das gesamte Land diktieren zu können.[2]

Die Reaktion der ausländischen Mächte auf die Bedrohung ihrer Niederlassungen erfolgte umgehend. Dem Hong Kong Telegraph zufolge feuerten chinesische Soldaten gezielt auf das amerikanische Kirchenhospital in Wutschang sowie auf das US-Kanonenboot El Cano.[3] Daraufhin trafen amerikanische Marineinfanteristen ein, um Handelskontore und Missionen vor Plünderungen zu bewahren.[3] Auch die japanische Marine hat zweihundert Mann an Land gebracht, was laut der China Mail eine beruhigende Wirkung auf die Lage in den Fremdenniederlassungen hatte.[5] Das britische Kriegsschiff HMS Hawkins befindet sich mit dem kommandierenden Admiral an Bord bereits auf dem Weg in das betroffene Gebiet.[3] Gleichzeitig kommt es auf dem Strom zu weiteren schweren Zwischenfällen. Wie das Harburger Tageblatt erfährt, wurden bei Auseinandersetzungen mit Truppen eines untergeordneten Generals von Wupeifu — und nicht mit den eigentlich fremdenfeindlichen Südtruppen — mehrere britische Offiziere getötet oder verwundet.[4] Dieser Zwischenfall mit General Yang Sen könnte nach Einschätzung des Figaro zu einer britischen Flottendemonstration führen, falls beschlagnahmte Handelsschiffe nicht umgehend freigegeben werden.[1][4]

Unterdessen entwickelt sich an einer anderen Front eine neue, möglicherweise entscheidende Machtprobe. Marschall Suntschuanfang (Sun Chuanfang), der als Herrscher über Schanghai und fünf wohlhabende Provinzen bis jetzt eine bewaffnete Neutralität wahrte, sieht seine eigene Flanke durch den Vormarsch der Südarmee bedroht.[2][5] Dem Berliner Tageblatt zufolge könnte Suntschuanfang durch die Provinz Fukien gegen Kanton vorrücken und das kantonesische Heer von seiner logistischen Basis abschneiden.[2] Die China Mail meldet, Suntschuanfang habe dem Führer der Kantontruppen, General Tschiangkaischek, bereits ein Ultimatum mit einer Frist von 24 Stunden gestellt, damit dieser seine Truppen nach Süden zurückziehe.[3][5] Sollte Tschiangkaischek diese Forderung ignorieren, werde Suntschuanfang in die benachbarten Provinzen einmarschieren und eine eigene Großoffensive eröffnen.[3]

Die weitere Entwicklung bleibt mit der Haltung Sowjetrusslands und den innerchinesischen Kräfteverschiebungen eng verbunden. Fengjusian (Feng Yuxiang), der von seinen Gegnern geschlagene nordwestliche Kommandeur, hat sein Heer verlassen und befindet sich offenbar auf der Flucht nach Sowjetrussland.[2] Seine verbliebenen Truppen versuchen nun, durch die Provinz Schensi nach Süden vorzudringen, um sich den vorrückenden Südarmeen anzuschließen.[2] Während sich der russische Einfluss im Norden Chinas nach diesen Niederlagen erheblich vermindert hat und Peking fest in der Hand des Mandschurei-Machthabers Tschangtsolin (Zhang Zuolin) ist, wird der schnelle Vormarsch der Kantonesen in Moskau mit Skepsis betrachtet.[2] Die Südarmee handelt weitgehend selbstständig; dennoch behält der russische Berater Borodin in Kanton weiterhin eine einflussreiche Position.[2] Der Ausgang des Ringens am Jangtsekiang wird zeigen, ob die Ausdehnung der Kantonmacht von Bestand ist oder ob sie an der Übermacht der verbleibenden Nordgenerale scheitert.[2]