Der Schlussstein ist gelegt: Deutschland ist offiziell in den Völkerbund eingetreten, womit ein historischer Schritt auf dem Weg zur Befriedung Europas vollzogen ist.[1][2] Reichsaußenminister Gustav Stresemann sandte aus diesem Anlass ein Telegramm an Reichskanzler Wilhelm Marx, in dem er der führenden Mitwirkung der Regierung in aufrichtiger Dankbarkeit gedachte.[1] In seiner Antwort betonte Marx, dass es ihm ein Herzensbedürfnis sei, dem langjährigen Führer der deutschen Außenpolitik zu dem glänzenden Ergebnis zu gratulieren.[3] Auch an den früheren Kanzler Hans Luther richtete Marx ein Schreiben, um dessen verdienstvolle Vorarbeit für dieses bedeutsame Werk angemessen zu würdigen.[3]

Die Tragweite dieses Tages spiegelt sich in einer unermüdlichen diplomatischen Aktivität am Genfer See wider. Bereits am Vormittag der Aufnahmesitzung empfing Stresemann führende europäische Staatsmänner, darunter den belgischen Außenminister Emile Vandervelde, der um 9 Uhr bei ihm erschien.[2] Wenig später, gegen 10 Uhr, traf der französische Außenminister Aristide Briand im Hotel Metropol zu einer mehr als einstündigen Unterredung ein.[2] Am späten Nachmittag erwiderte Stresemann die Höflichkeitsbesuche bei Briand und bei dem britischen Außenminister Austen Chamberlain.[4] Aus dem Umfeld der französischen Delegation verlautet, dass Briand und Chamberlain planen, Genf bereits am Mittwoch zu verlassen.[4] Gegenüber dem Petit Parisien betonte Stresemann unterdessen, dass der Eintritt Deutschlands die Verträge von Locarno endgültig in Kraft setze.[2] Er erinnerte nachdrücklich daran, dass Locarno nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer neuen Entwicklung der Völker sein müsse.[2]

Die internationale Presse verfolgt die Vorgänge mit einer Mischung aus Begeisterung und sachlicher Abwägung. Die britische Westminster Gazette merkt an, der Völkerbund sei bisher für die Hälfte Europas lediglich der Verwalter und Vormund des Versailler Vertrages gewesen.[2] Von nun an müsse versucht werden, alle Verträge nach den Bestimmungen einer sich wandelnden Mehrheit nüchtern zu beurteilen.[2] Die Pariser Zeitung Le Temps mahnt, die Zukunft werde zeigen, ob Deutschland in dieser Weise vertrauenswürdig sei.[5] Weit optimistischer äußert sich Auguste Gauvain im Journal des Débats; er feiert Briands Rede als triumphal und hebt hervor, dass Stresemann ebenso kräftig applaudierte wie die französischen Delegierten.[5] Der Matin hingegen fordert konkrete Taten Deutschlands, beispielsweise die Anerkennung der Ostgrenzen, und äußert die Befürchtung, Stresemann wolle das politische Gewicht Europas schrittweise vom Versailler Vertrag auf den Völkerbundpakt überführen.[2]

In Italien fallen die Reaktionen erwartungsgemäß gespalten aus. Laut dem Berliner Tageblatt rät der römische Messaggero dazu, über dem internationalen Beifall für Genf die ernüchternde Realpolitik nicht zu vergessen.[1] Die Zeitung Tribuna äußert sich weitaus skeptischer und fürchtet, Deutschland werde bald gegen Frankreich und England intrigieren.[1] Besonders beunruhigend erscheint dem italienischen Blatt die Vorstellung, dass Frankreich und Deutschland nun diplomatisch eng zusammenarbeiten könnten.[1]

Trotz des internationalen Jubels bleiben innenpolitische Spannungen im Reich bestehen. Aus dem Kreis der Deutschnationalen Volkspartei werden scharfe Töne laut. Graf Kuno von Westarp erklärte auf dem Parteitag in Köln, man könne keine Versöhnung erwarten, solange feindliche Soldaten deutschen Boden am Rhein betraten und das Land unter dem Diktat des Versailler Vertrages stehe.[5] Auch gemäßigte Kreise weisen gelegentlich darauf hin, dass der Völkerbund bisher unter dem Einfluss Englands und Frankreichs gegen deutsche Interessen gehandelt habe.[3] Die Abtrennung Deutsch-Oberschlesiens sowie die Behandlung Danzigs und des Saargebiets belasten das Ansehen der Genfer Institution in großen Teilen der Bevölkerung weiterhin schwer.[3]

Überschattet wird der deutsche Erfolg außerdem durch den endgültigen Rückzug Spaniens aus dem Völkerbund. In der Mittagsstunde erschien der spanische Konsul im Völkerbundsekretariat, um die Note seiner Regierung zu überreichen.[2] Darin wird mitgeteilt, dass sich Spanien nach Ablauf der zweijährigen Kündigungsfrist aus der Liga zurückziehen werde.[2] Die Note, unterzeichnet vom Außenminister Panguas (José Yanguas Messía), bringt dennoch den Wunsch zum Ausdruck, das hohe Ideal des allgemeinen Friedens möge sich erfüllen.[6] Dem Figaro zufolge hat Madrid aus Rücksicht darauf gewartet, bis die Versammlung über die Neugestaltung des Völkerbundrates entschieden hatte, um die deutsche Kandidatur nicht zu beeinträchtigen.[5]

Gleichwohl sorgt der spanische Schritt in Genf für erhebliche Verstimmung. In diplomatischen Kreisen wird die Entscheidung vor allem als Folge von innenpolitischen Machtkämpfen und der Prestigepolitik General Miguel Primo de Riveras bewertet.[4] Ein prominentes Mitglied einer Delegation soll den Diktator gar unverblümt als „Unteroffizier zweiten Ranges“ bezeichnet haben.[6] Das Journal de Genève fordert entschiedene Konsequenzen: Für den Völkerbund dürfe Spanien nicht mehr existieren, weshalb ein Völkerbundratssitz unter diesen Umständen selbstverständlich entfalle.[1] Man ist hier der Auffassung, dass Spanien sich mit diesem Schritt selbst schade.[4] Nach vorliegenden Informationen hält sogar der spanische Botschafter in Paris das Vorgehen seiner Regierung für einen schweren Fehler.[4]

Durch den Austritt Spaniens ordnet sich die Struktur der Organisation neu. Es wird erwartet, dass Spaniens bisherige Rolle als neutraler Vermittler nun an Japan übergeht, den einzigen großen Staat im Völkerbundrat, der die Verträge von Locarno nicht unterzeichnet hat.[5] Schweden hat offiziell angezeigt, dass es diesmal nicht für den Völkerbundrat kandidiere, da es eine Einteilung der Mitgliedsstaaten in unterschiedliche Gruppen ablehne.[2] Auch Kuba hat eine Kandidatur abgelehnt.[5] Während Portugal für den von Spanien erhofften Sitz im Gespräch ist, gelten Polen, Belgien, Rumänien und die Niederlande bei den übrigen temporären Mandaten als aussichtsreich.[6][5] Gleichzeitig setzen sich mehrere lateinamerikanische Staaten für eine Vertretung ein. Im Rennen hierfür befinden sich Uruguay, Chile, Kolumbien und El Salvador.[5]

Am Ende dieser denkwürdigen Tage stehen Spekulationen über weitere Erweiterungen der internationalen Gemeinschaft. Wie in Konstantinopel amtlich verlautet, führt der französische Außenminister Briand bereits Gespräche über einen möglichen Beitritt der Türkei zur Genfer Liga.[1] Für das Deutsche Reich besteht jedoch nun die vordringliche Aufgabe darin, seine gewonnene Position zu festigen und durch besonnene Mitarbeit zu zeigen, dass die Versöhnungsgeste von Genf der Auftakt zu einer dauerhaften europäischen Ordnung ist.