Paris, 14. September. (Eigener Drahtbericht.) Die Spannungen zwischen Frankreich und Italien, die unmittelbar durch den jüngsten Attentatsversuch auf den italienischen Ministerpräsidenten Mussolini ausgelöst wurden, beherrschen weiterhin die europäische Diplomatie.[1] Der Anschlag, den der aus der Garfagnana stammende Anarchist Ermete Giovannini-Luceti verübte, hat in Rom eine Welle der Entrüstung entfacht. Diese richtet sich nun mit voller Wucht gegen die französische Republik.[2]
In Genf kam es am Rande der Völkerbundsitzungen zu ausführlichen Unterredungen zwischen dem französischen Außenminister Briand und dem italienischen Unterstaatssekretär Grandi.[3] Wie die Sächsische Staatszeitung meldet, verlangte die italienische Regierung eine scharfe Kontrolle der nach Frankreich geflüchteten antifaschistischen Emigranten.[4] Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung liegt der Kern des Konflikts in der beispiellosen Forderung Roms. Italien verlangt, dass in Frankreich lebende italienische Staatsangehörige durch eigene, den Konsulaten beigegebene Polizeiorgane überwacht werden.[1] Darüber hinaus dringt Italien darauf, allen in Paris weilenden italienischen Emigranten jede politische und publizistische Betätigung zu untersagen und die dort gedruckte oppositionelle Presse zu unterdrücken.[2][4]
Außenminister Briand wies diese Ansinnen entschieden zurück.[4] Dem Vorwärts zufolge machte er deutlich, dass über 800.000 Italiener in Frankreich lebten. Die französische Regierung könne unmöglich die politische Gesinnung jedes Einzelnen überwachen.[2] Solange die Emigranten die französischen Gesetze achteten, werde Frankreich nicht gegen sie vorgehen.[2][4] Briand betonte ferner, es sei noch nie üblich gewesen, die Regierung eines Gastlandes für ein politisches Attentat eines Ausländers verantwortlich zu machen.[2] Das französische Pressegesetz gestattet ein Vorgehen gegen Zeitungen zudem nur dann, wenn diese den König von Italien direkt angreifen.[2]
Zu den diplomatischen Begegnungen in Genf gehört auch, dass der italienische Delegierte Scialoja gemeinsam mit Grandi am Tisch des französischen Ministers speiste.[3] Briand nutzte die Gelegenheit und hob eindringlich hervor, wie ungerecht die Artikel der italienischen Presse seien, da beide Länder im Grunde dazu bestimmt seien, einander zu verstehen.[3] Da Briand jedoch in Genf gebunden ist, empfing in Paris Ministerpräsident Poincaré indessen den italienischen Botschafter Romano Avezzana zu einer längeren Unterredung.[5] Der Botschafter brachte nach einer Meldung des Matin die starke Erregung der öffentlichen Meinung in Italien zum Ausdruck.[4]
Diese Erregung spiegelt sich in einer beispiellosen Pressekampagne wider. Der Temps weist nachdrücklich darauf hin, dass die gesamte faschistische Presse der Kontrolle der italienischen Regierung untersteht.[3] Dennoch duldet Rom ungeheuerliche Angriffe. So behauptet das Giornale d'Italia, die französischen Behörden tolerierten Organisationen, in denen das Klima für politische Verbrechen geschaffen werde.[3] Das Blatt Il Tevere geht sogar so weit zu schreiben, man könne sich in Frankreich für hunderttausend Francs, die einem Emigranten ausgehändigt würden, Mussolinis entledigen.[3] Auch der Pariser Figaro stellt fest, dass Leitartikel im Corriere d'Italia und in der Tribuna dem französischen Kabinett eine unzulässige Toleranz vorwerfen.[5]
Mussolini selbst hatte als junger Sozialist Attentate einst zynisch als „die Betriebsunfälle der Monarchen“ bezeichnet.[2] Nun zieht der Faschismus aus dem Vorfall weitreichende Konsequenzen.[2] Berichten aus Italien zufolge haben umfangreiche Massenverhaftungen bereits begonnen. Ein faschistisches Blatt verkündet, dass fortan auch die Opposition lernen müsse, „gefährlich zu leben“.[2] Zudem fordern einflussreiche römische Organe die unverzügliche Wiedereinführung der Todesstrafe für politische Gegner.[2]
In Paris herrscht bei den Zeitungen, selbst bei jenen der politischen Rechten, Einigkeit darüber, dass Frankreich den italienischen Forderungen nicht nachgeben solle.[2] Zur Überwindung der weitreichenden Missverständnisse schlägt der Matin ein persönliches Treffen zwischen Briand und Mussolini vor, damit die bestehenden Schwierigkeiten rasch ausgeräumt werden.[2]