In Genf und Thoiry sind in den vergangenen Tagen Entscheidungen von weitreichender Bedeutung für die europäische Diplomatie angebahnt worden.[1][2] In Paris trat am Dienstagvormittag der französische Ministerrat unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik zusammen, um den Bericht des Außenministers Aristide Briand über die Genfer Arbeiten und seine vertrauliche Unterredung mit Außenminister Gustav Stresemann entgegenzunehmen.[2] Die Regierung beglückwünschte Briand zu den erzielten Resultaten in Genf und äußerte sich einmütig über das hohe Interesse an diesen französisch-deutschen Besprechungen sowie über die Nützlichkeit einer Fortsetzung.[2][3] Wie die halbamtliche Havas-Agentur mitteilt, entbehren die in einigen Pariser Kreisen kursierenden Gerüchte über eine angebliche Uneinigkeit innerhalb des Kabinetts bezüglich der von Briand eingeleiteten Verhandlungen jeder Grundlage.[3] Briand selbst betonte nach Schluss des Ministerrats gegenüber Journalisten, er habe sich wohl gehütet, irgendeine Verpflichtung zu übernehmen oder auch nur einen Vorentwurf eines Abkommens auszuarbeiten.[2][3] Alles, was er getan habe, belasse der Regierung ihre vollkommene Handlungsfreiheit. Das Kabinett habe davon in der günstigsten Weise Gebrauch gemacht.[2][3] Dem Pariser Matin erklärte der Minister auf die Frage nach den unmittelbaren Folgen der Unterredung, dass sich nun zweifellos die Kanzleien und die technischen Sachverständigen an die Arbeit begeben würden.[2]
Die kommende Beratung wird vor allem von der Verknüpfung politischer Zugeständnisse mit finanziellen Transaktionen bestimmt.[1] Laut dem Petit Parisien wies Briand vor dem Ministerrat darauf hin, dass in den kommenden Jahren heikle Fragen mit Deutschland zu regeln seien.[1] Politische Konzessionen, die Frankreich bewilligen solle, würden mit der Zeit an Wert verlieren. Daher solle man diese Zugeständnisse jetzt gewähren, um von Deutschland auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet wertvolle Kompensationen zu erhalten.[1] Dies betrifft unmittelbar die Sorgen des Ministerpräsidenten Raymond Poincaré. Er sieht sich gezwungen, einem weiteren Sinken des Franken Einhalt zu gebieten, um sein Prestige als Retter der Währung zu wahren.[1] Das Echo de Paris weist darauf hin, dass gegenwärtig die innere Lage Frankreichs alles beherrscht und die Regierung sich angesichts eines Pfundkurses von 177 Franken vordringlich mit der Währungskrise beschäftigen muss.[1] Der Gaulois bemerkt hierzu, dass die Frage einer französisch-deutschen Verständigung zu ernst sei, um sie parteipolitischen Doktrinen zu unterwerfen.[4] Die paradoxe Notwendigkeit, ein Arrangement mit Deutschland zu suchen, ist Frankreich aus der eigenen finanziellen Lage erwachsen.[4]
Zur finanziellen Seite der Thoiry-Pläne äußert sich die Presse beider Länder ausführlich.[5] Die Tägliche Rundschau erörtert die Möglichkeit, dass Deutschland einen Teil jener Eisenbahnobligationen mobilisiert, die der Reparationskommission übergeben wurden.[5] Ein Betrag von anderthalb Milliarden Goldmark — von insgesamt vier Milliarden — würde Frankreich vermutlich genügen, um die Stabilisierung des Franken zu verwirklichen.[5] Das Blatt betont jedoch, dass diese geplante Operation sehr kompliziert sei. Sie erfordere nicht nur die Zustimmung Deutschlands und des Reparationsagenten Parker Gilbert, sondern auch die der anderen Gläubigerstaaten.[5] Der nationalistische Lokal-Anzeiger äußert Bedenken und bezweifelt, dass der internationale und insbesondere der amerikanische Markt überhaupt in der Lage sei, eine solche Summe aufzunehmen, da Amerika bereits mit Anleihen übersättigt sei.[5] Damit diese Titel auf dem Weltmarkt untergebracht werden könnten, müsste der Zinsfuß von derzeit fünf Prozent deutlich erhöht werden.[5]
Außenminister Stresemann hat Genf früher als ursprünglich geplant verlassen.[6] Vor den Vertretern der Weltpresse erklärte er am Mittwoch: „Ich hatte die Absicht, hier bis zum Ende der Versammlung zu bleiben, um ausreichend Eindrücke über die Arbeitsweise des Völkerbundes und einen erweiterten Überblick über die Persönlichkeiten zu gewinnen.“[6] Da jedoch der französische Ministerrat bereits getagt hatte, hätten ihn seine Kollegen in Berlin gedrängt, frühzeitig zurückzukehren und in Sachen Thoiry Bericht zu erstatten.[6] Er würdigte seine Genfer Eindrücke mit großer Genugtuung und hob hervor, dass die deutsche Delegation stets einheitlich aufgetreten sei.[6] Daraus folge, dass die verfolgte Politik sich auf die große Mehrheit des Parlaments und des deutschen Volkes stützen könne.[6] Stresemann erinnerte an die kritischen Tage im März, als das gesamte Werk von Locarno gefährdet schien. Er lobte, dass der damals vielfach verspottete Optimismus standgehalten habe.[6] Weiter wies er die Vorstellung zurück, der Völkerbund sei lediglich der Ausdruck von Machtkonzernen; vielmehr entwickle sich hier der Individualismus der Völker stärker als außerhalb vermutet. Ebenso werde auch der Wille zu sachlicher Arbeit gefördert.[6] Er lehne es ab, die Nationen in deutschfreundliche oder deutschfeindliche einzuordnen, da jede Nation ihre eigenen Interessen vertrete.[6]
Stresemann nahm zum Anlass, entschieden gegen Gerüchte Stellung zu beziehen, die nach einer Rede vor der deutschen Kolonie aufgekommen waren.[6] Er habe keineswegs Indiskretionen begangen, als er die Möglichkeit weiterer Verhandlungen über die Rheinlandräumung und das Saargebiet erwähnte.[6] „Damit habe ich keine Indiskretion begangen, da mir die Havas-Meldung vorlag über den gestrigen französischen Ministerrat, in dem ganz offen von diesen Fragen gesprochen worden ist“, betonte Stresemann.[6] Im Zusammenhang mit der Saarfrage habe er auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker verwiesen und eine etwaige Volksabstimmung angedeutet.[6] Scharf verurteilte er jedoch die Behauptung eines Mailänder Blattes, er habe in Thoiry die Angliederung Österreichs an Deutschland und die Annexion Südtirols gefordert.[6] Wer annehme, in Thoiry sei eine neue Aufteilung Europas verhandelt worden, überschätze diese Unterredung. Wer ihm aber die Torheit zutraue, derartige Forderungen zu erheben, handle aus Sensationslust oder bösem Willen.[6] Die Fortschritte der französisch-deutschen Beziehungen seien das Fundament der europäischen Verständigung und dürften nicht durch unbegründete Gerüchte gestört werden.[6] Eine ständige Vertretung Deutschlands beim Völkerbund lehnte Stresemann ab; er lege Wert darauf, die Vertretung im Völkerbundrat selbst zu führen, um die persönlichen Beziehungen zu stärken.[6] Erste Schritte dieser aktiven Mitarbeit zeigten sich bereits, als Deutschland sich im Rat für Angelegenheiten in Danzig und im Memelland einsetzte. Dies führte unter Anwesenheit des Danziger Senatspräsidenten Heinrich Sahm und des Völkerbundkommissars Joost van Hamel zu einstimmigen Beschlüssen.[5]
Die Annäherung zwischen Berlin und Paris wird international beachtet, besonders in Großbritannien.[1][5] Die Morning Post betont, dass das britische Kabinett den deutsch-französischen Ausgleich keineswegs mit Misstrauen betrachtet.[5] Die Politik des Außenministers Austen Chamberlain sei stets darauf gerichtet gewesen, die Reibungspunkte zwischen beiden Staaten zu beseitigen, und die Regierung betrachte die Bemühungen um Verständigung mit Wohlwollen.[5] Auch der diplomatische Mitarbeiter des Daily Telegraph bestätigt, dass die britische Regierung über den Stand der Verhandlungen unterrichtet worden sei.[1] Das Blatt äußert jedoch Zweifel an den finanziellen Plänen. Insbesondere wird die Frage nach der amerikanischen Zustimmung aufgeworfen, falls man daran denke, 350 bis 400 Millionen Pfund Sterling an Eisenbahnobligationen zu mobilisieren und zugleich eine Annullierung der französischen Kriegsschulden an Amerika zu erreichen.[5]
Die weiteren diplomatischen Schritte hängen nun von den detaillierten Auswertungen in beiden Hauptstädten ab.[1][2] Briand hat sich für etwa acht Tage zur Erholung aus Paris zurückgezogen, weil er befürchtet, dass die anstehenden Verhandlungen ihm bis Dezember nur wenig Erholung erlauben werden.[2] Die nächste reguläre Sitzung des französischen Ministerrats ist für den 1. Oktober angesetzt, um die technischen Probleme einer eventuellen vorzeitigen Rheinlandräumung — welche Artikel 43 des Friedensvertrags unter bestimmten Bedingungen gestattet — zu prüfen.[2] In Berlin wird Außenminister Stresemann am Donnerstagnachmittag erwartet. Möglichst noch am selben Abend soll ein Kabinettsrat unter Leitung des Kanzlers Wilhelm Marx stattfinden, um die Einzelheiten von Thoiry zu erörtern.[1][4] Erst danach wird die Reichsregierung entscheiden, ob sie die mündlichen Vereinbarungen billigt und die Verhandlungen im Oktober formal fortsetzen wird.[4]