Die diplomatische Aktivität in der französischen Hauptstadt hat in diesen Tagen einen neuen Höhepunkt erreicht. Auf seiner Rückreise nach London traf der britische Außenminister Sir Austen Chamberlain am Samstagnachmittag kurz nach 14.30 Uhr in Paris ein.[1] Auf dem Bahnhof wurde er von seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand empfangen, der in Begleitung seines Kabinettchefs Alexis Leger erschienen war.[1] Wie die Badische Presse hervorhebt, unterstreicht die Anwesenheit Legers den offiziellen Charakter des Besuches.[2] Auch der englische Botschafter, Lord Crewe, war auf dem Bahnsteig zugegen.[2] Nach einer kurzen Ruhepause in der britischen Botschaft begab sich Chamberlain um 16.30 Uhr an den Quai d'Orsay, wo eine eineinhalbstündige Unterredung stattfand.[2]

Laut einem im Anschluss veröffentlichten amtlichen Kommuniqué stellten die beiden Staatsmänner ihre volle Übereinstimmung bei der Lösung der gegenwärtigen internationalen Probleme als Tatsache fest.[1] Dem Pariser Figaro zufolge prüften sie die auswärtige Lage, wobei das Hauptaugenmerk auf den deutsch-französischen Beziehungen lag, deren Orientierung durch die Abkommen von Locarno und die jüngsten Gespräche in Thoiry präzisiert worden sei.[3] Chamberlain hatte die Schweiz vor der Begegnung in Thoiry verlassen müssen, um sich auf einer zweiwöchigen Kreuzfahrt im Mittelmeer zu erholen.[3] Vor der Wiederaufnahme seiner Amtsgeschäfte im Foreign Office lag es ihm daran, sich in Paris mit seinem französischen Kollegen auszutauschen.[3]

Der Aufenthalt Chamberlains an der Seine kam für die Öffentlichkeit eher überraschend, da man allgemein angenommen hatte, er werde ohne Unterbrechung nach England zurückkehren.[1] Die Planänderung dürfte das Ergebnis einer abendlichen Besprechung zwischen Briand und Lord Crewe gewesen sein.[1] Dabei ging es offenbar um die Begegnung Chamberlains mit Benito Mussolini im italienischen Livorno, über die Gerüchte eines speziellen britisch-italienischen Abkommens kursierten.[1]

In einer Erklärung vor Pressevertretern wies Briand jedoch Berichte zurück, das Treffen in Livorno sei dazu gedacht gewesen, ein Gegengewicht zur deutsch-französischen Annäherung zu bilden.[2] Daran sei kein wahres Wort; vielmehr seien Chamberlain und er entschlossen, ein Netz von Friedensverträgen über die ganze Welt zu errichten.[2] Briand erklärte: „Ich bin zufrieden mit meiner Unterhaltung mit Sir Austen Chamberlain und mit der Begegnung, die Chamberlain mit Mussolini hatte.“[1] Besprechungen dieser Art dienten stets dem Frieden, da sie die Konfliktmöglichkeiten zwischen den Völkern verringerten.[2] Der französische Außenminister betonte, er sei über die Absichten Chamberlains in Italien ebenso unterrichtet gewesen wie der Brite in Genf über Briands geplante Unterredung mit dem deutschen Reichsaußenminister Gustav Stresemann.[2]

Dieser Weg der Verständigungspolitik — der von der deutschen Initiative über Locarno nach Genf und Thoiry führte — bildet einen Schwerpunkt der europäischen Befriedung.[4] Der Westfälische Merkur widmet den Ausführungen des deutschen Außenministers zur historischen Einordnung dieser Politik breiten Raum. Stresemann erinnerte an den schwierigen Weg, der über den Abbruch des Ruhrkampfes, die Micum-Verträge und das Dawes-Gutachten bis zur Erkämpfung der deutschen Souveränität über das Rheinland geführt habe.[4] In der Genfer Institution sei nun ein internationales Forum geschaffen worden, das durch seinen jederzeit einsatzbereiten Apparat große Wirkungen ausübe und persönliche Beziehungen begründe, wie sie zuvor unmöglich gewesen wären.[4]

Auch Briand bestätigte in Paris, dass die Vereinbarungen von Thoiry sich nahtlos in den Rahmen des Locarno-Paktes sowie der Völkerbundakte einfügen.[2] Er räumte allerdings ein, dass Frankreich die Rheinlande nicht allein besetze und die Begebung der deutschen Dawesobligationen eine Angelegenheit sei, die alle Alliierten betreffe.[2] Ob eine solche Begebung möglich sei, müsse nun von den Sachverständigen im Detail geprüft werden.[2]

Ein drängendes Thema der Besprechungen bildeten die jüngsten Zwischenfälle zwischen Zivilisten und alliierter Militärbesatzung im Rheinland, insbesondere in Germersheim.[2] Briand versicherte, die Justiz sei mit der Angelegenheit befasst, warnte jedoch davor, die Vorfälle zu übertreiben.[2] Der Zusammenstoß sei beim Verlassen eines Cafés erfolgt; nach Briands Angaben wurde er offenbar von aufgeregten Nationalisten künstlich aufgebauscht.[2] Um künftige Reibungen zu vermeiden und die Politik von Locarno nicht zu gefährden, kündigte der französische Außenminister wesentliche Änderungen an: Das Besatzungsregime im Rheinland solle raschestens modifiziert werden.[2]

Neben den Verhandlungen mit Chamberlain nutzte Briand die Tage für eine Reihe weiterer diplomatischer Konsultationen. Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung empfing er den serbischen Außenminister Momčilo Nintschitsch sowie den polnischen Außenminister August Zaleski.[1] Letzterer bestritt dabei sowjetrussische Meldungen über eine angebliche Mobilmachung polnischer Streitkräfte an der russischen Grenze entschieden.[1] Darüber hinaus führte Briand Gespräche mit dem französischen Botschafter in Berlin, Pierre de Marguerie, und dem spanischen Botschafter Quiñones de León.[2]

Im Hinblick auf die ungelöste Tangerfrage stellte Briand klar, dass dieses Problem ausschließlich im Rahmen der bestehenden Verträge gelöst werden müsse.[2] Eine internationale Konferenz zu diesem Thema schloss er ausdrücklich aus, da der bestehende Rahmen ausreiche, um die berechtigten Forderungen der Mächte zu befriedigen.[2]

Die deutsch-französischen Besprechungen sollen bald wieder aufgenommen werden, zunächst auf Ebene der Sachverständigen.[1] Chamberlain wird Paris am Sonntagvormittag um zehn Uhr in Richtung London verlassen.[2] Briand selbst wird ihn nicht zum Bahnhof begleiten können, da er bereits am Vorabend aus der Hauptstadt abgereist ist.[2]