Riga, 31. März.

Vor der geplanten Abrüstungskonferenz in Genf hat sich innerhalb der sowjetischen Führung ein bemerkenswerter Wandel vollzogen.[1] Ursprünglich vertrat ein Teil der Moskauer Politiker die Ansicht, eine Teilnahme an den internationalen Verhandlungen sei geboten, um mit dem Völkerbund in direktere Berührung zu kommen.[1] Eine solche diplomatische Annäherung hätte es jedoch zwingend erforderlich gemacht, den noch immer schwelenden Konflikt mit der Schweiz beizulegen und eine offizielle Delegation nach Genf zu entsenden.[1]

Inzwischen hat offenbar jene Gruppe die Oberhand gewonnen, die jeden Versuch einer Verständigung mit der Genfer Institution strikt ablehnt.[1] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, bereitet die Moskauer Regierung nun eine offizielle Absage vor.[1] Das Regierungsblatt Iswestija macht in seinen jüngsten Ausführungen deutlich, wie die Antwort auf die Einladung des Völkerbundes zur Vorbereitungskonferenz am 18. Mai lauten wird.[1] Die Zeitung betont, dass allein schon die Wahl der Schweiz als Tagungsort eine russische Teilnahme unmöglich mache.[1] Zugleich wird der schwere Vorwurf erhoben, diese Ortswahl sei absichtlich getroffen worden, um Russland von den Verhandlungen auszuschließen.[1]

Hinter dieser Strategie vermutet Moskau handfeste militärpolitische Interessen.[1] Dem Zeitungsbericht zufolge beabsichtigen verschiedene europäische Staaten — namentlich Frankreich und Polen —, eine eigene Abrüstung mit Verweis auf das Fortbestehen der Roten Armee kategorisch zu verweigern.[1] Eine derartige Argumentation ließe sich in Abwesenheit russischer Vertreter naturgemäß weitaus bequemer aufrechterhalten.[1]

Die Sowjetregierung zieht aus dieser Lage drastische Konsequenzen. Sie will endgültig erklären, dass sie an der Hauptkonferenz nicht teilnehmen wird, nachdem man sie bereits von der Vorkonferenz praktisch ausgeschlossen habe.[1] Moskau stellt unmissverständlich klar, dass man sich an keinerlei Abmachungen binden werde, die ohne eine russische Beteiligung getroffen werden.[1] Anstatt an den Verhandlungstisch zurückzukehren, kündigt die Führung vielmehr eine umfassende Propagandaoffensive an.[1] Diese soll dazu dienen, jenes, wie es heißt, „verächtliche Spiel" zu enthüllen, das die treibenden Kräfte des Völkerbundes der Weltöffentlichkeit derzeit vorzumachen hofften.[1]