In der indischen Metropole Kalkutta kam es in der Nacht zum Freitag zu den schwersten religiösen Ausschreitungen seit Jahren. Wie das Berliner Tageblatt unter Berufung auf Nachrichten aus Indien meldet, brachen blutige Zusammenstöße zwischen Hindus und Mohammedanern aus, die zahlreiche Opfer forderten.[1] Die Zahl der Toten wird einhellig auf mindestens 20 geschätzt, während die Zahl der Verwundeten zwischen 150 und 160 Personen liegt.[1][2] Allein in einem Lazarett der Stadt wurden 80 Verletzte eingeliefert, von denen zehn bereits im Sterben liegen.[1] Nach Meldungen der amerikanischen Washington Times steigen die Verlustlisten stündlich weiter an.[3]
Ursache der verheerenden Unruhen war ein Vorfall in einem im Norden der Stadt gelegenen Viertel.[4] Nach Angaben des Harburger Tageblatts veranstaltete eine hinduistische Sekte eine Prozession, bei der Musik gespielt wurde, während der Zug an einer örtlichen Moschee vorbeizog.[2] Die mohammedanische Bevölkerung protestierte zunächst gegen diese Störung, woraufhin die Lage rasch eskalierte und die Moslems zu gewaltsamen Tätlichkeiten übergingen.[1][2] Die Kämpfe breiteten sich in den umliegenden Straßen so weit aus, dass das betroffene Mohammedanerviertel schließlich von den Einheimischen vollkommen verlassen wurde.[2]
Die Ordnungskräfte sahen sich gezwungen, mit äußerster Härte einzuschreiten. Beim Versuch der Polizei, die aufgebrachte Menge zu zerstreuen, kam es zu schweren Nahkämpfen, bei denen auch zwei europäische Polizeibeamte Verwundungen erlitten.[2][3] Die Washington Times berichtet, dass Sanitätswagen ununterbrochen im Einsatz waren, um die vielen Verletzten in die Krankenhäuser zu bringen.[3] Inzwischen ist es der Polizei nach heftigem Ringen gelungen, die Rädelsführer der Ausschreitungen festzunehmen und die Oberhand zu gewinnen.[1][3] Zur Sicherung der gefährdeten Stadtteile patrouillieren nun starke Truppenteile, die mit Maschinengewehren ausgerüstet sind.[3]
Die tragischen Ereignisse überschatteten den bevorstehenden Wechsel an der Spitze der britischen Kolonialverwaltung. Unmittelbar nach dem verhängnisvollen Vorfall traf der neue indische Vizekönig, Lord Irwin, in Bombay ein.[1] Dem scheidenden Vizekönig, Lord Reading, der nach fast sechsjähriger Amtszeit nach London zurückkehrt, widmet die britische Hauptstadtpresse eingehende Leitartikel.[1][5] Er war im Jahre 1921 nach Indien gekommen und hatte die anspruchsvolle Aufgabe, die sogenannten Montagu-Chelmsford-Reformen in der indischen Verwaltung durchzusetzen.[5] In den Londoner Zeitungen wird er nun als einer der fähigsten Verwalter dargestellt, die das Empire in Indien je vertreten haben.[1]