Das Ringen um den Eintritt Deutschlands in den Völkerbundrat hält die europäische Diplomatie weiterhin in Atem. Obwohl der Vertrag von Locarno formell fortbesteht, erscheint es derzeit nicht möglich, ihn praktisch umzusetzen.[1] Die Chancen dafür gelten als äußerst gering, da Frankreich darauf beharrt, dass Polen gleichzeitig mit Deutschland einen ständigen Sitz im Völkerbundrat erhalten müsse.[1] Auch Brasilien und Spanien bestehen auf ihren eigenen Forderungen, während die deutsche Regierung darauf pocht, ihr allein solle ein neuer ständiger Sitz im Rat zufallen.[1]

Die Ursachen dieser Krise liegen tief in der Entstehungsgeschichte der Genfer Institution. Wie ein Bericht des Berliner Tageblatts darlegt, war die Völkerbundpraxis stets eine rein empirische Schöpfung, denn schon Woodrow Wilson erklärte, man habe keinen fertigen Organismus, sondern ein lebendes Gebilde schaffen wollen.[2] Die Schwierigkeiten liegen im ständigen Ausgleich zwischen den Großmächten und den kleineren Staaten sowie in der unklaren Abgrenzung der Befugnisse von Rat und Versammlung.[2] Die hartnäckige Anmeldung politisch diktierter Ansprüche, hinter denen im Fall Brasiliens und Spaniens auch der Ausgleich zwischen Europa und Lateinamerika steht, verhindert die notwendige Reform des Völkerbundrates.[2] Die Unterstützung des polnischen Anspruchs durch Paris ist schließlich ein Ausdruck der französischen Sicherungspolitik, die über Locarno hinaus verstärkt werden soll.[2] Großbritannien wiederum erklärt, es wolle unbedingt an der Einstimmigkeitsklausel festhalten, um sich gegen Zwang durch Mehrheitsbeschlüsse zu schützen.[2]

In Paris bemüht man sich unterdessen um Klarheit über die weitere Entwicklung. In einem Gespräch mit dem französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand versuchte der deutsche Botschafter Leopold von Hoesch, eine verbindliche Erklärung zu erreichen.[1] Laut dem Pariser Matin teilte Hoesch mit, dass Außenminister Gustav Stresemann genaue Auskünfte über die Zusammensetzung der Studienkommission verlange, die sich mit der Änderung der Völkerbundsatzung befassen soll.[1] Die Wilhelmstraße möchte zudem wissen, welche Befugnisse den deutschen Delegierten in dieser Kommission eingeräumt werden und wie Frankreich und England sich gegenüber Spanien und Brasilien verhalten wollen.[1] Briand zeigte sich in seinen Mitteilungen jedoch sehr zurückhaltend, sodass weitere diplomatische Schritte erforderlich sein werden.[1] Dass die Lage ernst ist, bestätigt die Tatsache, dass auch der britische Botschafter in Paris, Lord Crewe, eine lange Aussprache mit Briand führte, um die weitere Gestaltung der Locarnopolitik zu erörtern.[1]

In Deutschland hat das Debakel von Genf tiefe Spuren hinterlassen. Die Neue Freie Presse beschreibt treffend die Stimmung, wenn sie schreibt, das friedliche Deutschland sei enttäuscht und beleidigt.[3] Es werde als Beleidigung einer großen Nation empfunden, zuerst mit Pomp eingeladen zu werden, um am Ehrentisch Platz zu nehmen, in Wahrheit aber im zugigen Vorzimmer warten zu müssen, während sich die Gastgeber streiten.[3] Auch in England herrscht die Auffassung, die Genfer Verhandlungen seien im Vorfeld schlecht vorbereitet worden.[3] Dort meint man zwar, dass Außenminister Austen Chamberlain für die kontinentalen Diplomaten nicht listig genug gewesen sei, doch hat dies seine Popularität auf den britischen Inseln paradoxerweise eher gesteigert.[3]

Dass die Krise rasch überwunden werden kann, wird in internationalen Kreisen zunehmend bezweifelt. Nach Angaben des Harburger Tageblatts erklärte der belgische Außenminister Emile Vandervelde offen, dass wegen der Völkerbundkrise die stärksten Befürchtungen für die kommende Septembertagung bestehen müssten.[4] Die Hindernisse gegen die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbundrat würden bis dahin kaum beseitigt sein.[4] Unterdessen rückt auch das Problem der allgemeinen Abrüstung wieder in den Vordergrund, das mit dem Völkerbund untrennbar verbunden ist. Im englischen Unterhaus warnte der Unterstaatssekretär Arthur Ponsonby vor einem negativen Ausgang der vorbereitenden Abrüstungskonferenz.[5] Sollte dies eintreten, argumentierte er, müsste England ein entwaffnetes Deutschland gegen ein schwer bewaffnetes Frankreich verteidigen.[5] Ponsonby forderte deshalb unmissverständlich, dass Deutschland entweder ebenso rüsten dürfe wie die anderen Staaten oder diese in gleichem Maße wie Deutschland abrüsten müssten.[4]