Reichsaußenminister Gustav Stresemann nutzte die Feierlichkeiten zum Geburtstag des Reichsgründers in Annaberg für eine grundsätzliche standortbestimmende Rede.[1][2] Wie das Harburger Tageblatt berichtet, ging der Minister in seinen Ausführungen ausführlich auf die heutige politische Lage des Reiches ein und richtete sich gegen jene nationalen Kreise, die die aktuelle Außenpolitik mit rein historischen Maßstäben beurteilen wollen.[2]

Stresemann betonte mit Nachdruck, dass die außenpolitische Lage, vor der Deutschland gegenwärtig steht, keineswegs mit jener Epoche zu vergleichen sei, die Otto von Bismarck so meisterhaft beherrschte.[2] Der Außenminister erklärte, dass niemand mehr als der Eiserne Kanzler selbst über diejenigen lächeln würde, die heute glaubten, aus seinen einstigen Reden und Handlungen praktische Rezepte für die gegenwärtige Lage ziehen zu können.[2] Damit wies er die scharfe Kritik der Rechtsopposition zurück, die sich allzu gern auf das unreflektierte Erbe Bismarcks beruft.

Die Ursache für die weitverbreitete Kritik an der gegenwärtigen Außenpolitik sieht Stresemann in psychologischen Faktoren. Nach Angaben der Berichterstatter liegt die tiefste Wurzel dieser Unzufriedenheit in einem Gegensatz der Empfindungen: Der Deutsche erinnert sich der gewaltigen geschichtlichen Größe seines Vaterlandes, sieht sich aber zugleich mit der drückenden Unfreiheit und der politisch geringen Bewegungsfreiheit konfrontiert, zu der das Reich auch heute noch verurteilt ist.[2]

Dass diese Ausführungen auch im Ausland aufmerksam aufgenommen werden, zeigt ein Blick in die internationale Presse. So hebt das Madrider Blatt El Sol besonders jenen Teil der Rede hervor, in dem Stresemann die aktive Mitarbeit des Reiches an der internationalen Zusammenarbeit als zwingend notwendig bezeichnete.[3] Diese Zusammenarbeit müsse jedoch auf dem gegenseitigen Verständnis der Völker und dem uneingeschränkten Genuss gleicher Rechte aller Beteiligten beruhen.[3]

Gerade im Hinblick auf die ungelöste Völkerbundkrise gewinnen Stresemanns Worte an Gewicht. Die von ihm beklagte mangelnde Bewegungsfreiheit zwingt die deutsche Diplomatie weiterhin zu jenem mühsamen Kurs der Verständigung, den der Außenminister in Annaberg erneut verteidigte. Wenn Stresemann am Ende seiner Rede nach spanischen Berichten betonte, er verspüre seine Sehnsucht nach dem Vaterland so lebhaft, dass sie nirgendwo anders Wurzeln schlagen könne, war dies unzweifelhaft auch ein Ruf nach innerer Geschlossenheit der Nation in außenpolitisch stürmischen Zeiten.[3]