Ein beispielloser Korruptionsskandal erschüttert gegenwärtig die Deutsche Reichsbahn und hat in Frankfurt an der Oder ein furchtbares Nachspiel gefunden. Wie die Badische Presse berichtet, handelt es sich um Verfehlungen von bisher in Deutschland selten gekanntem Ausmaß.[1] Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht die Reichsbahndirektion Osten, deren leitende Beamte unter dringendem Verdacht der passiven Bestechung stehen.[1]

Besondere Erschütterung löste das tragische Ende des hauptbeschuldigten Reichsbahnrates Friedrich Fölsing aus. Nach Angaben des Harburger Tageblatts wurde der Beamte am 29. März zunächst ohne formelle Beschuldigung zur Vernehmung beim Oberstaatsanwalt geladen, am Folgetag jedoch in Haft genommen, nachdem er ein erstes Teilgeständnis abgelegt hatte.[2] Am 1. April sollte Fölsing aus dem Polizeiarrest in das Gerichtsgefängnis überführt werden.[2] In einem verzweifelten Moment stieß er die ihn begleitenden Wachtmeister beiseite, lief zum nahegelegenen Oder-Bollwerk und stürzte sich in den Fluss.[2] Obwohl der Flüchtige zunächst noch schwamm, versank er vor den Augen der nachfolgenden Polizisten, die sofort mit einem Kahn zur Verfolgung ausschifften.[2]

Die bisherigen Ermittlungen ergaben, dass Fölsing und weitere höhere Beamte mit dem in die Angelegenheit verwickelten Bauunternehmer Schmidt aus Rosengarten gemeinsame Sache machten.[1][2] Es ging um äußerst lukrative Aufträge für den Grenzbahnhof Neu-Bentschen, die angeschlossene Beamtensiedlung sowie den Umbau des Frankfurter Hauptbahnhofs.[2] Derzeit sichtet eine Vielzahl Berliner Kriminalbeamter und Rechnungsprüfer das umfangreiche Aktenmaterial.[2]

Die Direktion wies Gerüchte zurück, wonach sich der Schaden auf 20 Millionen Reichsmark belaufe, und bezeichnete sie als „aus der Luft gegriffen“; dennoch ist die Reichsbahn um außerordentliche Summen geschädigt worden.[1][2] Die Behörde hofft, sich zumindest teilweise schadlos zu halten, indem der verantwortliche Unternehmer die betroffenen Bauten ohne weitere Bezahlung fertigstellt.[1] In Justizkreisen rechnet man in den kommenden Tagen fest mit weiteren Verhaftungen.[1]