In Griechenland hat unter den Vorzeichen einer tiefgreifenden Verfassungskrise die Wahl eines neuen Staatsoberhauptes begonnen.[1] Nach dem Rücktritt von Admiral Pavlos Kountouriotis am 19. März sind die Bürger aufgerufen, einen Nachfolger an die Spitze der Republik zu wählen.[2] Wie der Pariser Figaro meldet, fanden die ersten Abstimmungen am gestrigen Sonntag landesweit bei vollkommener Ruhe statt, wobei nennenswerte Zwischenfälle völlig ausblieben.[3] Nach dem ersten Wahltag zeichnet sich bereits deutlich ab, dass General Theodoros Pangalos als unangefochtener Sieger aus diesem Urnengang hervorgehen wird.[2][3] Pangalos regiert das Land seit Januar de facto als militärischer Diktator.[1]

Der aktuelle Urnengang markiert den vorläufigen Höhepunkt einer innenpolitischen Zuspitzung, die durch die Demission des bisherigen Präsidenten ausgelöst wurde.[1] Admiral Kountouriotis genoss höchstes persönliches Ansehen und galt über alle Parteigrenzen hinweg als Garant der republikanischen Ordnung.[1] Offiziell wurden für seinen plötzlichen Rückzug gesundheitliche Gründe angeführt, doch gilt in politischen Kreisen als gesichert, dass er aus politischen Motiven handelte.[1] Er war offenkundig nicht länger bereit, die zunehmend autokratische Politik des Generals Pangalos mit seiner hohen Autorität zu decken.[1] Sämtliche Bemühungen, Kountouriotis zum Bleiben zu bewegen, blieben fruchtlos.[1] Sein Ausscheiden ließ die zuvor beruhigten politischen Leidenschaften in Griechenland mit voller Wucht wieder aufleben.[1]

Um seine Macht zu festigen, änderte Pangalos noch vor der Abstimmung den Modus der Präsidentenwahl grundlegend.[1] Während das Staatsoberhaupt im Jahr 1924 noch durch die Nationalversammlung gewählt worden war, führte der Ministerpräsident nun das allgemeine, geheime Wahlrecht in Form eines Plebiszits ein.[1] Damit wollte er die Wahl dem Einfluss der etablierten parlamentarischen Kreise entziehen und durch eine direkte Abstimmung der Nation unbestrittene Autorität erlangen.[1] Seinen eigenen Worten zufolge stützt sich sein Regierungsprogramm hauptsächlich auf die bewaffneten Streitkräfte.[1]

Ursprünglich war die Aufstellung eines einzigen Kompromisskandidaten geplant, um die drohende innenpolitische Zerreißprobe abzuwenden.[1] Die Sondierungen erwiesen sich jedoch rasch als aussichtslos.[1] Der frühere Ministerpräsident Alexandros Zaimis lehnte eine Kandidatur ab, da er eine dauerhafte Einigung der Parteien als unmöglich ansah.[1] Zudem setzte Pangalos selbst eine Altersgrenze von 65 Jahren für das höchste Staatsamt fest, die Zaimis bereits überschritten hatte.[1] Auch Nikolaos Politis kam als Kandidat nicht in Betracht, da er zu sehr in die heftigen Auseinandersetzungen um das Lager des Venizelismus verstrickt war.[1] Als schließlich der Name Konstantinos Demertzis genannt wurde, erkannte General Pangalos die unmittelbare Gefahr: Demertzis, der einst Beziehungen zu beiden politischen Lagern gepflegt hatte, drohte als Kristallisationspunkt sämtliche oppositionelle Kräfte gegen die Diktatur zu einen.[1] Daher entschloss sich der Regierungschef, offiziell selbst als Kandidat anzutreten.[1]

Den umstrittensten Schritt seiner Kampagne vollzog Pangalos bei der organisatorischen Durchführung der Wahl. Erst am Samstag vor dem Urnengang wurde offiziell bekanntgegeben, dass die Abstimmung praktisch in zwei Etappen gespalten wird.[2] Lediglich in zwölf Provinzen gaben die Wähler am Sonntag ihre Stimmen ab.[3][4] In den übrigen 23 Provinzen wurde der Wahltermin auf den 11. April verschoben.[2][1] Die Regierung begründete diesen beispiellosen Vorgang pauschal mit technischen Schwierigkeiten.[1] Nach Angaben der Madrider Zeitung El Sol erfolgte die Teilung des Wahlgangs gegen den ausdrücklichen Protest sämtlicher politischer Parteien.[4] Die Opposition wertet die Verzögerung als durchsichtiges Manöver, um den staatlichen Behörden zwischen den beiden Wahlgängen gezielten Druck auf die Wählerschaft zu ermöglichen.[1]

Da die Regierung ferner mehrere Forderungen der politischen Gruppierungen bezüglich des Wahlverfahrens kategorisch ablehnte, beschloss die vereinigte Opposition, sich von den Wahlen fernzuhalten.[1] Die Parteien riefen ihre Anhänger stattdessen zu geschlossener Enthaltung auf.[1] Dadurch wollen sie der zu erwartenden Wahl Pangalos die Legitimität absprechen und zeigen, dass das neue Staatsoberhaupt nur von einer Minderheit der Nation getragen wird.[1] Pangalos reagierte auf diese Taktik mit ungewöhnlicher Schärfe. In einem Manifest anlässlich seiner Kandidatur bezeichnete er die Vertreter der alten Parteien offen als „Verfaulte“ und Diebe, die den Tod verdient hätten.[4]

Plant der General seinen Wahlsieg durchzusetzen, hat er tiefgreifende staatsrechtliche Umgestaltungen angekündigt. Pangalos erklärte, dass er nach seinem Wahlsieg sein Amt als Ministerpräsident in Personalunion weiterführen werde, bis ein neuer Senat und eine neue Kammer gewählt sind.[2] Berichten des Temps zufolge beabsichtigt er außerdem, Griechenland mit einer neuen Verfassung auszustatten.[1] Diese soll sich streng am Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika orientieren und dem Präsidenten umfangreiche exekutive Vollmachten verleihen.[1] Die politische Krise dürfte mit dieser Wahl daher kaum beendet sein, und Beobachter befürchten weitere innere Erschütterungen für das Land.[1]