Der schwelende Konflikt zwischen der amerikanischen Literaturszene und den puritanischen Sittenwächtern Neuenglands erreicht einen dramatischen Höhepunkt. H.L. Mencken, der streitbare Herausgeber der Kulturzeitschrift American Mercury, plant gemeinsam mit Arthur Garfield Hays, einem Anwalt der Amerikanischen Bürgerrechtsunion, eine offene Provokation der Behörden.[1] Wie die Washington Post meldet, beabsichtigen die beiden Männer, die verbotene April-Ausgabe des Magazins in Massachusetts öffentlich auf der Straße zu verkaufen. Dabei kalkulieren sie fest mit ihrer eigenen Verhaftung.[1] Ziel dieser Aktion ist es, einen juristischen Musterprozess herbeizuführen.[1]
Das Verbot des Magazins in der Metropole Boston beruht auf der Initiative der berüchtigten Gesellschaft „Watch and Ward“, die sich die strenge Überwachung der öffentlichen Moral zum Ziel gesetzt hat.[1] Dass gerade Mencken ins Visier dieser Zensurbemühungen gerät, überrascht Kenner der amerikanischen Presselandschaft kaum. Mencken gilt als schärfster Kritiker der amerikanischen Provinz und des nach seiner Auffassung übermächtigen Puritanismus.
Welches Bild der amerikanische Publizist von seinem Land zeichnet, beleuchtet dieser Tage auch die Madrider Zeitung El Sol in einer ausführlichen Betrachtung seines Werkes Americana, das eng mit dem American Mercury verbunden ist.[2] Dem spanischen Blatt zufolge stellt die Publikation eine erschütternde, aber sorgfältig dokumentierte Sammlung amerikanischer Verirrungen dar, die einen unüberbrückbaren Konflikt zwischen der von Europa geerbten Zivilisation und einer neuartigen „kulturellen Anarchie“ in den Vereinigten Staaten offenbart.[2]
Mencken sammelt unermüdlich Zeitungsberichte aus dem ganzen Land, um die seiner Meinung nach grotesken Züge der amerikanischen Kultur bloßzustellen. So zitiert die spanische Presse genüsslich aus Menckens Fundus: Eine Gemeinde der liberalen Kirche rühmt sich ernsthaft, den traditionellen Abendmahlswein durch ein antialkoholisches Erfrischungsgetränk namens „Whistle“ ersetzt zu haben.[2] Anstatt Wein zu konsumieren, trinken die Gläubigen die Limonade, während in der Kirche Werbeplakate der Herstellerfirma prangen.[2] Dieselbe Kirchengemeinde unterhalte laut Menckens Recherchen zudem eine absurde Vielzahl von Sektionen, die von einer Abteilung für „Psychoanalyse“ über „Steuerreklamationen“ bis hin zu „Kreativer Chemie“ reichen.[2]
Darüber hinaus nimmt Mencken den amerikanischen Universitätsbetrieb ins Visier, der europäische Beobachter aufgrund seiner pragmatischen Beliebigkeit erstaunt. Laut El Sol belegen Menckens Dokumente, dass an der Universität von Kentucky neuerdings akademische Kurse für das Lösen von Kreuzworträtseln angeboten werden, während der Lehrplan der Universität von Illinois einen Lehrstuhl für „Schweinekultur“ aufweist.[2] Auch die Vermischung klassischer humanistischer Disziplinen mit Fächern wie Feuerversicherung, Immobilienwesen oder dem Verfassen von Filmdrehbüchern verspottet der Publizist scharf.[2] Ferner dokumentiert Mencken selbst kuriose Tabakspuckwettbewerbe mit genauen Weitenangaben der Sieger, um die Banalität des ländlichen Alltags zu veranschaulichen.[2]
Dieser tiefe Graben zwischen einer intellektuellen Elite und der strengen Normierung der Massen bildet den Kern von Menckens publizistischem Schaffen. Sein bevorstehender Gang nach Boston ist damit weit mehr als ein bloßer Reklamestreich. Es handelt sich um einen strategischen Versuch, die geistige Vormundschaft der Zensurbehörden in einem öffentlichen Gerichtsverfahren zu brechen und die Freiheit der Presse vor der Justiz zu verteidigen.[1]