Während am Pariser Quai d'Orsay intensiv über eine diplomatische Lösung für den marokkanischen Kriegsschauplatz beraten wird, zeichnet sich an der Front eine neue militärische Eskalation ab. Wie der Temps unter Berufung auf ein Telegramm aus Fès meldet, ist die seit Tagen erwartete Offensive der Rifkabylen nunmehr in vollem Umfang ausgebrochen.[1] Bereits am Samstagnachmittag unternahmen Kontingente der Kmès und der Ghomara, deren Präsenz im Frontabschnitt der Marnissa und Gheznaïa zuvor von der Aufklärung gemeldet worden war, überraschende Vorstöße.[1] Ziel dieser Angriffe waren drei kleinere Gruppen der Fenassa, der Beni-Ouendjel und der Ouled-Bou-Slama.[1] Diese Siedlungsgebiete liegen strategisch zwischen den Stammesgebieten der M'tioua und der Marnissa.[1] Die Gruppen, die sich erst unlängst unterworfen hatten und rund zwanzig Kilometer vor der französischen Hauptwiderstandslinie siedeln, mussten dem massiven Druck der Angreifer leicht nachgeben.[1] Den Pariser Berichten zufolge sind die feindlichen Truppen mittlerweile bis nach Souk-el-Kemis vorgedrungen, etwa 24 Kilometer nördlich der Ortschaft Cheyab.[1]

Unterdessen bemüht sich die französische Regierung, unterstützt von spanischen Vertretern, um eine politische Beilegung des zermürbenden Konflikts. Laut dem Figaro trat gestern Vormittag am Quai d'Orsay eine hochrangige Konferenz zusammen, bei der Ministerpräsident Aristide Briand, Kriegsminister Paul Painlevé, Generalresident Théodore Steeg sowie Marschall Philippe Pétain den Vorsitz führten.[2] Ebenso waren die Generale Georges und Simon anwesend, wobei Letzterer, soeben aus Marokko zurückgekehrt, einen ausführlichen Bericht über die militärische Lage an der Riffront vorlegte.[2] Außerdem nahmen Ponsot als Unterabteilungsleiter für afrikanische Angelegenheiten sowie Briands Kabinettschef Alexis Léger an den Beratungen teil.[2] Im Mittelpunkt der Unterredungen stand die Möglichkeit offizieller Friedensverhandlungen.[2] Die derzeitigen Gespräche zwischen den bevollmächtigten Abgesandten Abd el Krims und den Vertretern der französischen und spanischen Regierungen werden in Pariser Regierungskreisen als sehr ernst eingeschätzt.[2] Wie aus Rabat verlautet, hat der Kaid Haddou Lekhal aus dem Generalstab der Rif-Republik sein Gebiet verlassen und ist auf dem Weg in die Residenzhauptstadt, um direkt mit den französischen Behörden in Kontakt zu treten.[2] Ministerpräsident Briand hatte in der Kammer mehrfach betont, er werde nur einen Frieden unterzeichnen, der der Würde Frankreichs entspricht und reale Garantien für die Dauerhaftigkeit bietet.[2]

Die Aussicht auf einen baldigen Waffenstillstand stößt jedoch in Teilen der rechtsbürgerlichen Presse auf scharfe Kritik. Dem Figaro zufolge führte die Regierung die Operationen im Rifgebiet seit einem Jahr in einer fast pazifistischen Haltung, hauptsächlich um die heimischen Linksparteien und Kommunisten im Parlament nicht zu verärgern.[2] Die Zeitung stellt die rhetorische Frage, warum das schlagkräftige französische Heer nicht längst eine reine Polizeiaktion erfolgreich abgeschlossen habe.[2] Statt mit militärischer Härte vorzugehen und ein deutliches Ultimatum zu stellen, habe man dem Gegner wohlwollende Friedensbedingungen vorab übermittelt.[2] Zudem habe man ihm formell zugesagt, die Grenzen des von ihm beanspruchten Territoriums nicht zu überschreiten, und auf den Einsatz bestimmter Waffengattungen verzichtet, allein um den Protesten vermeintlicher Wohltäter auszuweichen.[2] Selbst die ständigen Interpellationen in der Abgeordnetenkammer, die dem Feind als Ermutigung dienen könnten, habe die Regierung schweigend hingenommen.[2] Die innenpolitische Zerrissenheit zeige sich auch bei den regelmäßigen Abstimmungen über die Kreditbewilligungen für die Marokko-Expedition.[2]

In konservativen Kreisen befürchtet man eine „ungerechte“ Friedenslösung.[2] Schließlich hatten führende Staatsmänner wie Édouard Herriot, Painlevé und Briand Abd el Krim in der Vergangenheit als bloßen Plünderer und Abenteurer bezeichnet, der geschützte Stämme terrorisierte und zur Revolte zwang.[2] Nun werde diesem Banditen die Ehre offizieller Verhandlungen mit Frankreich und Spanien zuteil.[2] Erschwert werden die Bemühungen durch eine andauernde nachrichtendienstliche Unterwanderung. Nach Angaben des Figaro erhält Abd el Krim fast täglich Berichte über Pläne und Truppenbewegungen in den französisch und spanisch kontrollierten Zonen.[2] Diese sensiblen Informationen sollen ihm von Einheimischen übermittelt werden — Mittelsmänner, die im direkten Auftrag einer namentlich bekannten britischen Persönlichkeit in Tanger agieren.[2]