Zum ersten Mal seit dem Tag, an dem der bolschewistische Umsturz die Monarchie in Russland hinwegfegte, haben sich zahlreiche russische Emigranten zu einem großen Kongress in Paris wiedervereint.[1] Ziel der am gestrigen Sonntagnachmittag in den prunkvollen Sälen des Hotels Majestic eröffneten Zusammenkunft ist die Schaffung einer machtvollen politischen Organisation.[1][2] Diese Organisation soll die über die ganze Welt verstreuten Exilanten als geschlossene Körperschaft gegenüber dem Völkerbund und einzelnen Staaten vertreten.[1] Wie die Washington Post meldet, betrachten die versammelten Delegierten den Sturz der Sowjetherrschaft als ihr unverrückbares Endziel.[1]
Die Auftaktsitzung, der ein feierlicher Gottesdienst vorausging, wurde von Professor Struwe geleitet, dem prominenten Direktor der in Paris erscheinenden Zeitschrift La Renaissance.[2] Für viele Delegierte, die einst als enge Vertraute des Zaren verkehrten, war es das erste Wiedersehen seit ihrer Flucht aus der Heimat.[1] Das Erscheinungsbild der Anwesenden spiegelt die tiefe Tragik der russischen Emigration wider. Die Gesichter der ehemals führenden Elite Russlands sind von Entbehrungen und Leid gezeichnet.[1] Ihre abgetragene, wenn auch einst exzellent geschneiderte Kleidung hätte in den luxuriösen Korridoren des Tagungshotels befremdlich gewirkt, wenn sie nicht durch die ungebrochen stolze, aufrechte Haltung der Männer ausgeglichen worden wäre.[1]
Die Veranstaltung wird fast ausschließlich von monarchistischen Kräften dominiert, weil sämtliche republikanischen, demokratischen und sozialistischen Gruppierungen eine Teilnahme strikt abgelehnt haben.[2] Laut dem Pariser Figaro gehören zu den Hauptorganisatoren neben Struwe auch der frühere Ministerpräsident Trepow sowie General Gulewitsch (Arseni Gulewitsch), der einstige Generalstabschef der kaiserlichen Armee.[2] Diese Männer der extremen Rechten, zu denen ferner der ehemalige Hofmarschall Krupenski (Anatoli Krupenski) und Prinz Gortschakow zählen, bilden die eigentliche Führung der Versammlung.[1] Das Zentrum des Kongresses setzt sich aus Industriellen und Wirtschaftsführern zusammen.[1] Zu dieser Fraktion zählen neben Tretjakow (Sergei Tretjakow) — einem ehemaligen Minister der Provisorischen Regierung — und Lianosow (Stepan Lianosow) auch frühere Duma-Abgeordnete wie Kripunow (Michail Kripunow) sowie die Industriellen Goukasow (Pawel Gukassow), Nowikow (Wladimir Nowikow) und Nobel.[1][2] Ferner beteiligt sich der frühere Minister Kartaschew (Anton Kartaschew) an den Beratungen.[2] Die gemäßigte Linke, die aus jenen Exilanten besteht, welche schon unter dem Zarenregime moderate Ansichten vertraten, boykottiert das Treffen.[1] Führende Köpfe dieser Strömung, darunter der frühere Ministerpräsident Kerenski, der Konstitutionalist Miljukow und der Bauernführer Tschernow (Wiktor Tschernow), lehnen die reaktionären Absichten der Versammlung entschlossen ab.[1]
Im Hintergrund des Kongresses zieht Großfürst Nikolai Nikolajewitsch die Fäden.[1] Gemeinsam mit Großfürst Kyrill erhebt er Anspruch auf den russischen Thron und wird von den hier versammelten Emigranten als oberster Führer anerkannt.[1] Der Prätendent glänzte bei der Eröffnung jedoch durch Abwesenheit.[1] Diesem war ein schwerer Verkehrsunfall am Vorabend auf der Straße nach Bonneville vorausgegangen.[1][2] Nach Angaben der Washington Post kollidierte das Automobil des Großfürsten mit einem Lastwagen, der laut Polizeiangaben ohne Rücklicht unterwegs war.[1] Der Großfürst selbst befand sich nicht in dem Fahrzeug, doch wurden seine Gemahlin, Großfürstin Anastasia (Anastasia von Montenegro), sowie Baron Staël und dessen Frau durch Glassplitter zum Teil schwer verletzt.[1][2] Der Baron erlitt darüber hinaus Brüche an Bein und Handgelenk.[2] Infolge dieses Zwischenfalls und aus Sorge vor politisch motivierten Anschlägen wird der Großfürst nun verstärkt von Detektiven bewacht, während die französische Polizei in anderen Pariser Stadtteilen jene russischen Kreise überwacht, die für ihren Hass auf Angehörige des Adels bekannt sind.[1]