Der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin, hat sich in einer umfassenden Erklärung zur politischen Weltlage und zur diplomatischen Krise im Völkerbund geäußert.[1] Wie die B. Z. aus Moskau meldet, übte der Außenkommissar dabei scharfe Kritik am Völkerbund und an der Politik der westlichen Großmächte.[1] Zunächst stellte Tschitscherin fest, dass die Sowjetunion nicht bereit sei, an der geplanten Abrüstungskonferenz teilzunehmen, solange diese auf Schweizer Boden stattfinde.[2] Der ungeklärte Konflikt um die Ermordung des sowjetischen Gesandten Worowski in Lausanne stehe einer Teilnahme in Genf entgegen und mache die gesamte Konferenz nach Auffassung Moskaus zu einer reinen Farce.[1][2] Nach Darstellung des Berliner Tageblatts bezeichnete der Volkskommissar den Völkerbund zudem als eine Organisation zur Sicherung von Beute für die Siegermächte, die bisher hinreichend bewiesen habe, dass sie zur Lösung ernster politischer Probleme nicht fähig sei.[1][2]

Besonders scharfe Vorwürfe richtete die sowjetische Diplomatie gegen die britische Außenpolitik. Der britische Außenminister Chamberlain habe versucht, sich die Herrschaft und die Rolle eines europäischen Schiedsrichters anzumaßen.[1][2] Sein eigentliches Ziel sei jedoch die Bildung einer Einheitsfront gegen die Sowjetunion gewesen.[1] Die Badische Presse gibt Tschitscherins Ausführungen so wieder, dass Chamberlain Polen vor allem deshalb einen ständigen Sitz im Völkerbundrat verschaffen wollte, um Warschau von einer möglichen Annäherung an Russland abzuhalten.[3] Die britische Politik habe sich jedoch in ihrem eigenen Plan verheddert, da sie die tiefen Gegensätze zwischen Deutschland und Polen unterschätzte.[3][2] Londons diplomatische Fähigkeiten reichten nicht aus, um die inneren Widersprüche Europas zu überwinden, sodass die auf eine Isolierung der Sowjetunion gerichtete Locarno-Politik in eine Sackgasse geraten sei.[1][2]

Für Frankreich bedeute Locarno nach Ansicht des Volkskommissars vor allem, dass es anstelle einer direkten Verständigung mit dem Deutschen Reich nun die englische Vermittlung akzeptieren müsse.[3] Tschitscherin zog jedoch aus dem Scheitern der März-Tagung in Genf den Schluss, dass der Zusammenbruch dieser englischen Konzeption den Weg zu einer echten deutsch-französischen Annäherung freigemacht habe.[3] Er betonte ausdrücklich, dass Moskau eine solche Annäherung „mit lebhaftester Sympathie“ betrachte, weil sie Europa einen Frieden bringe, der „seine Beherrschung durch andere Mächte ausschlösse“.[2] Gleichzeitig warnte er die deutsche Regierung eindringlich davor, eine Aufhebung des Einstimmigkeitsprinzips im Völkerbundrat zu akzeptieren.[2] Sollte künftig das Mehrheitsverfahren angewandt werden, würden sich die deutschen Hoffnungen auf politischen Einfluss in Genf als Illusion erweisen.[3]

Während Moskau die theoretischen Schwächen der westlichen Diplomatie anprangert, versuchen die Verantwortlichen in Paris, das beschädigte Vertragswerk praktisch zu erhalten. Nach Informationen des Temps hat der deutsche Botschafter in Paris, von Hoesch (Leopold von Hoesch), bereits Gespräche mit dem französischen Ministerpräsidenten Briand (Aristide Briand) geführt, um die Bedingungen für die im Mai zusammentretende Studienkommission zur Erweiterung des Völkerbundrates zu klären.[4] Die Pariser Presse, darunter der Avenir, berichtet übereinstimmend, dass Deutschland vor einer Erneuerung seines Aufnahmegesuchs die klare Zusicherung Frankreichs und Englands bezüglich der Mandate für Spanien und Brasilien verlangt.[1][3] Die deutsche Diplomatie möchte sich vorab absichern, zumal eine polnische Kandidatur für einen zeitweiligen Sitz akzeptiert wird, die Schaffung neuer ständiger Sitze jedoch als Einschränkung des eigenen Einflusses strikt abgelehnt wird.[3]

Die weltweite Autorität der Genfer Institution scheint derweil erheblich erschüttert. Neben dem Misstrauen im Reich wächst auch in Südamerika, in Skandinavien und in Italien die Opposition gegen die bisherige Völkerbundpolitik.[3] Tschitscherin fasste diese krisenhafte Entwicklung zusammen, indem er über die europäischen Verhältnisse hinaus auf die aus seiner Sicht eigentliche Gefahr hinwies: Das Hauptproblem der kommenden Zeit werde nicht in Genf gelöst, sondern bestehe darin, in welcher Weise sich die fortschreitende Unterwerfung Westeuropas unter die Vorherrschaft des amerikanischen Kapitals vollziehen werde.[3][2]