Die chinesische Hauptstadt erlebt in diesen Tagen eine neue, moderne Form der Kriegsführung. Flieger der mandschurischen Armee unter Führung von Tschangtsolin haben Peking wiederholt mit Bomben belegt.[1] Wie die Sächsische Staatszeitung berichtet, warfen die Maschinen bei ihrem jüngsten Angriff zwölf Sprengkörper in der Nähe des Tempels für Landwirtschaft ab.[2] Dort hatte sich eine große Menschenmenge wegen der traditionellen Baumpflanzfeierlichkeiten versammelt.[3][2] Obwohl Panik ausbrach, kamen bei diesem Vorfall glücklicherweise keine Menschen ums Leben.[2] Die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet jedoch ein tragisches Einzelschicksal aus den vorangegangenen Angriffstagen: Eine chinesische Braut, die nach altem Ritus in einer dicht verhüllten roten Sänfte zur Hochzeit getragen wurde, fiel den sechzig Pfund schweren Bomben zum Opfer.[1] Das diplomatische Korps in Peking hat wegen der anhaltenden Gefährdung der Zivilbevölkerung scharfen Protest eingelegt.[3][4]
Hinter der Front vollzieht sich eine bemerkenswerte politische Neuordnung. Die bisherigen Gegner scheinen sich gegen Tschangtsolin zu vereinen, der mit seinen Truppen Peking belagert. Nach Angaben der Neuen Freien Presse befindet sich General Kungnaihsi (Gong Naixi), ein Unterführer des Marschalls Wupeifu, in Peking, um mit den Kommandeuren der dort eingeschlossenen Nationalarmee zu verhandeln.[4][2] Ziel ist eine weitreichende Koalition, der neben Wupeifu und der Truppe des Fengjusian auch die Gouverneure Jenschischan aus der Provinz Schansi und Suntschuanfang aus Kiangsu angehören.[5]
Dem Westfälischen Merkur und der Washington Post zufolge hat man sich in diesem Bündnis bereits auf konkrete politische Bedingungen geeinigt. Der als radikal geltende Fengjusian soll endgültig von seinem Kommando zurücktreten, während der frühere Präsident Tsaokun (Cao Kun) wieder in sein Amt eingesetzt wird.[3][5] Zudem ist vorgesehen, die Nankingverfassung wiederherzustellen, bis reguläre Wahlen durchgeführt werden können.[5] Durch einen gewaltigen militärischen Zangenangriff — Suntschuanfang stößt von Süden vor, Wupeifu von Westen und die Nationalarmee bricht aus dem Norden aus — erwartet man die Vernichtung der feindlichen Truppen.[5] Diplomatische Kreise gehen davon aus, dass Tschangtsolin sich unter diesem massiven Druck gezwungen sehen wird, sich in die Mandschurei zurückzuziehen.[3][5]
Bereits seit fünfzehn Jahren dauert der innere Krieg in China an, wobei die Generäle immer mehr nach den Grundsätzen moderner Strategie vorgehen.[1] Es handelt sich nicht länger um bloße Scharmützel, sondern um Feldschlachten mit zeitgemäßen Waffen.[1] Zugleich entspricht die zögerliche Taktik, welche militärische Schläge immer wieder mit Geheimverhandlungen verbindet, dem alten chinesischen Prinzip, dem Gegner das Gesicht zu wahren.[1] Nichtsdestoweniger schürt der andauernde Konflikt landesweite Unruhe, die sich zunehmend auch gegen Ausländer richtet. So griff in Wutschou (Wuzhou) eine aufgebrachte Menge die amerikanische Mission an, riss deren Flagge nieder und zwang das Personal, unter Lebensgefahr auf ein amerikanisches Kanonenboot zu fliehen.[3][4] Die ständigen blutigen Manöver verleihen dem Land allmählich einen ausgeprägt militärischen Charakter, wodurch die Zahl der kriegerischen Führer stetig wächst, die bei einer Friedenslösung eigene Anteile fordern werden.[1]