Nach dem jüngsten diplomatischen Zusammenbruch in Genf bemühen sich die europäischen Kabinette um eine Wiederaufnahme der Verhandlungen. Wie der Pariser Gaulois berichtet, beabsichtigt Aristide Briand, im Laufe der Woche die Gespräche mit London und Berlin fortzusetzen, um die verhängnisvollen Folgen des Genfer Misserfolges — der die gesamte Locarno-Politik bedroht — zu beseitigen.[1] Deutschland zeigt sich jedoch wenig geneigt, sein Aufnahmegesuch zur nächsten Völkerbundssitzung bedingungslos zu erneuern.[1] Die Reichsregierung fordert vorab genaue Auskünfte über die geplanten Reformen am Völkerbundrat sowie über die Haltung der Westmächte zu den umstrittenen Ratskandidaturen Spaniens und Brasiliens.[1] Sollte keine befriedigende Klärung dieser Fragen erfolgen, behält sich das Reich vor, seinen Antrag unbefristet zurückzuziehen.[1] Diese harte Linie wird unter anderem durch eine wachsende Völkerbundfeindlichkeit in Teilen Südamerikas und Europas bestärkt.[1]
Während in Genf die strukturellen Fragen des Völkerbundes im Vordergrund stehen, werfen die Vorbereitungen zur kommenden Abrüstungskonferenz ihre Schatten voraus. Das internationale Teilnehmerfeld ordnet sich parallel für die anstehenden Genfer Beratungen neu. Aus Buenos Aires wird gemeldet, dass die argentinische Regierung nach innerpolitischen Differenzen mit dem Kongress nun eigenmächtig handeln wird.[2] Argentinien wird voraussichtlich offizielle Vertreter sowohl zur vorbereitenden Abrüstungskonferenz als auch zur Kommission für die Umbildung des Völkerbundrates entsenden.[2]
Gleichzeitig stellen die strategischen Machtfragen Europas weiterhin eine ständige Begleitung für die Abrüstungsbemühungen dar. Dem britischen Außenminister Austen Chamberlain wird in diplomatischen Kreisen nachgesagt, dass er die Rolle eines Schiedsrichters anstrebe, dessen Endziel die Bildung einer Einheitsfront gegen die Sowjetunion sei.[2] Nach Angaben der Neuen Freien Presse entbehrt die in London geäußerte Befürchtung, wonach die sowjetische Regierung gegen eine direktere französisch-deutsche Annäherung sein könnte, jeder Grundlage.[2] Vielmehr scheint der Weg zu einer unmittelbaren Verständigung zwischen Paris und Berlin frei zu sein, da Moskau eine solche Entwicklung nicht zu behindern beabsichtigt.[2]
Die eingesetzte Studienkommission des Völkerbundes steht somit vor einer gewaltigen Aufgabe. Der Manchester Guardian bezeichnet die geplante Tätigkeit des Ausschusses als ein sehr umfassendes, schwieriges und gefährliches Unternehmen.[3] In Berlin wird derweil diskutiert, ob Deutschland durch die bloße Teilnahme an diesem Ausschuss seine bisher unangreifbare Position aufgegeben und sich dem Druck der Genfer Diplomatie ausgesetzt habe.[3] Dennoch bietet das Gremium gegenüber den gescheiterten Märztagen den Vorteil, über eine formelle Tagesordnung und öffentliche Verhandlungen zu verfügen, sodass die deutsche Delegation ihren Standpunkt vor aller Welt darlegen kann.[3]