Ein beispielloser Korruptionsskandal bei der Reichsbahndirektion Osten in Frankfurt an der Oder beschäftigt seit Tagen die Öffentlichkeit. Im Mittelpunkt der Vorwürfe stehen Unterschlagungen, Betrug und Bestechung in Millionenhöhe im Zusammenhang mit umfangreichen Bahnhofsbauten in Frankfurt und Neu-Bentschen.[1][2] Die Affäre, die nach Angaben der Kölnischen Zeitung bis zu sechzig hohe und mittlere Beamte belasten soll, wirft ein beunruhigendes Licht auf die Vergabepraxis und Personalpolitik der Deutschen Reichsbahn.[2] Eine tragische Zuspitzung erhielt die Angelegenheit durch den Selbstmord des Reichsbahnrats Fölsing, der tief in die Vorgänge verwickelt gewesen sein soll.[1][3] Dieser unerwartete Todesfall dürfte die ohnehin überaus schwierigen Ermittlungen, für die nun neue Verfahren eingeleitet werden müssen, um Monate verzögern.[1]

Die Vorwürfe sind schwerwiegend. Den Berichten zufolge sollen Beamte der Direktion Osten in den Jahren 1923 und 1924 von Bauunternehmen massiv bestochen worden sein.[2] Unter den beschuldigten Firmen befinden sich der Frankfurter Bauunternehmer Schmidt-Rosengarten sowie im Direktionsbezirk tätige Filialen zweier großer deutscher Tief- und Hochbauaktiengesellschaften.[2] Die Methoden der Bereicherung reichen von der wucherischen Berechnung von Baumaterialien über falsche Angaben zu Löhnen und der Zahl der eingesetzten Arbeiter bis hin zu überhöhten Zahlungen bei der Umrechnung von Bauaufträgen in Festmark nach der Währungsstabilisierung.[2]

Als Reaktion auf diese Veröffentlichungen hat die Generaldirektion der Reichsbahn eine amtliche Erklärung herausgegeben, in der sie wesentliche Teile der Anschuldigungen als „ungeheuer übertrieben“ zurückweist.[4] Wie das Berliner Tageblatt meldet, betont die Verwaltung, dass sie bereits im Sommer 1924, als die ersten Anzeigen eingingen, unverzüglich Untersuchungen eingeleitet und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet habe.[4] Die Behauptung, es seien zwanzig Millionen Mark unterschlagen worden, entspreche nicht den Tatsachen, da für den Bau des Grenzbahnhofs Neu-Bentschen bis heute erst etwa vierzehn Millionen Mark aufgewendet worden seien, wobei der Bahnhof zu einem wesentlichen Teil fertiggestellt sei.[1][4] Auch die Zahl von sechzig verdächtigen Beamten sei maßlos überhöht; vielmehr beruhe der Verdacht strafbarer Handlungen bisher nur auf einzelnen Personen, wobei noch unklar sei, ob auch höhere Ränge involviert sind.[1][4] Die Bauarbeiten fielen in die schlimmste Inflationszeit, was die spätere Überprüfung der von Unternehmern geforderten Aufwertungen sehr erschwere.[4] Präsident Matibel, der Leiter der Direktion Osten, erklärte kürzlich bei der Einweihung des Verschiebebahnhofs in Neu-Bentschen, er danke allen am Werk Beteiligten „leider mit der Einschränkung: soweit sie dies mit reinen Händen getan haben“.[1]

Der Vorwärts zeichnet jedoch ein völlig anderes, düsteres Bild von den internen Vorgängen. Das Blatt wirft der Direktion Osten vor, systematisch gegen jene Personen vorzugehen, die auf Unregelmäßigkeiten hinwiesen.[3] So sei der Oberbahnmeister Göhler entlassen und nachträglich durch den Vertreter des Präsidenten, Regierungsrat Dr. Trierenburg, mit Disziplinarmaßnahmen bedroht worden, nachdem er den Generaldirektor gewarnt hatte.[3] Ein ähnliches Schicksal ereilte den Eisenbahnassistenten Karge, der nach ergebnislosen Anzeigen bei verschiedenen Behörden kurzerhand abgebaut wurde.[3] Der Bautechniker Berghold, der in den Skandal verstrickt ist, durfte hingegen trotz vorgesehenen Abbaus auf eigenes Angebot hin ohne Gehalt weiterarbeiten.[3]

Auch externe Hinweisgeber blieben offenbar nicht von Repressalien verschont. Als der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe seine Beobachtungen an Präsident Matibel meldete, erhielt er ein Drohschreiben, in dem vor ähnlichen Äußerungen gewarnt wurde.[3] Die Firma Bredow meldete einen eklatanten Betrugsfall des Unternehmers Schmidt-Rosengarten, worauf die Direktion nicht den Beschuldigten, sondern die anzeigende Firma mit dem Staatsanwalt bedrohte.[3] Eine groteske Wendung nahm die Beschwerde des Bauunternehmers Neumann, der eine Bevorzugung bestimmter Firmen kritisierte. Bei einer Vorladung lächelte Neumann über die Drohungen der anwesenden Räte Trierenburg und Fölsing, woraufhin er wegen Beamtenbeleidigung verklagt und tatsächlich in erster Instanz zu einer Geldstrafe von 150 Mark verurteilt wurde.[3]

Der Skandal wirft außerdem Zweifel an der allgemeinen Geschäftspraxis der vor Kurzem umstrukturierten Reichsbahngesellschaft auf. Der Vorwärts fordert die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses und kritisiert unter anderem scharf, dass dem Metallbankkonzern vertraglich eine Monopolstellung für die Lieferung von Eisen, Stahl, Kupfer und Kohle eingeräumt worden sei, während der Abverkauf von Altmaterialien offenbar nur noch über privilegierte Einzelhändler erfolge.[3] Ob die laufenden Ermittlungen, für die der Staatsanwaltschaft eigens acht eisenbahnerfahrene Beamte aus anderen Bezirken zugewiesen wurden, das gesamte Netz aus Korruption und Einschüchterung aufklären können, bleibt abzuwarten.[1][4]