Während man in diplomatischen Kreisen nach den jüngsten Entwicklungen mit der baldigen Aufnahme intensiver Friedensverhandlungen rechnete, hat sich die Lage in Marokko plötzlich militärisch verschärft.[1] Das unerwartete Vorgehen der aufständischen Rifkabylen erregt in der französischen Hauptstadt beträchtliches Aufsehen.[1] Nach Meldungen des Pariser Temps aus Rabat haben regierungsfeindliche Dissidenten mit Unterstützung regulärer Rif-Truppen eine gewaltsame Offensive gegen den loyal gebliebenen Stamm der Marnissa im Vorfeld von Fès (Fez) unternommen.[2] Wie aus den Berichten weiter hervorgeht, konnte der feindliche Einfall erst durch das rasche Eingreifen französischer Truppenkontingente abgewehrt werden.[2] Noch herrscht in den militärischen Stäben Unklarheit darüber, ob es sich lediglich um eine lokale Teiloffensive handelt oder ob Abd el Krim die Absicht hat, die Angriffe auf der gesamten marokkanischen Front fortzusetzen.[1]

Dass der Führer der Rifkabylen einem baldigen Friedensschluss derzeit wenig Neigung zeigt, beweist ein aufsehenerregendes Schreiben an seine Unterführer.[3][1] Laut dem Westfälischen Merkur ruft Abd el Krim seine Anhänger unmissverständlich zum unerbittlichen Widerstand auf.[1] Wörtlich heißt es in dem Dokument: „Vereinigt euch und bildet einen Wall gegen die Christen! Metzelt sie nieder, wo ihr auf sie stoßt! Schneidet den Feinden die Verbindungswege ab!“.[3][1] Weiterhin fordert er die Stämme auf, in den Heiligen Krieg einzutreten, um die Nation zu verteidigen und das Vaterland zu retten, und verlangt von seinen Kämpfern, dem Tod „aus Liebe zu Gott“ zu trotzen.[3][1]

In Paris stocken derweil die Bemühungen um eine diplomatische Beilegung des Konflikts.[3] Am Quai d'Orsay fanden zuletzt keine Verhandlungen in der Marokkofrage statt, da Außenminister Briand aus der Hauptstadt abwesend ist.[3] Erst nach seiner Rückkehr sollen die vertraulichen Besprechungen mit dem Generalgouverneur Steeg wieder aufgenommen werden.[3] Ausdrücklich wird in Regierungskreisen betont, dass Steeg keine direkten Friedensvorschläge Abd el Krims nach Paris überbracht hat.[3] Man gibt in der französischen Hauptstadt unumwunden zu, dass sich die Verhandlungen überaus schwierig gestalten.[3] Die Verzögerungen sind nicht zuletzt auf tiefergehende Meinungsverschiedenheiten zwischen Frankreich und Spanien zurückzuführen, die zunächst auf diplomatischem Wege ausgeglichen werden müssen, um die Lage vollständig zu klären.[3] Keinesfalls — so heißt es in Pariser Kreisen — will man sich bei den Verhandlungen mit dem Führer der Rifkabylen vom spanischen Bündnispartner trennen.[3]

Die französische Regierung zeigt sich zwar grundsätzlich bereit, dem Rifgebiet eine gewisse Verwaltungsautonomie sowie wirtschaftliche Selbstständigkeit zuzugestehen.[3] Allerdings verlangt Paris kategorisch, dass diese Autonomie einer strengen Kontrolle unterworfen wird.[3] Man fürchtet andernfalls, dass eine unkontrollierte wirtschaftliche und finanzielle Eigenständigkeit des Rif zu einer Agitation führt, welche ständige militärische und politische Verwicklungen nach sich ziehen würde.[3]

Unterdessen befindet sich der spanische Botschafter in Paris noch immer auf einer ausgedehnten Inspektionsreise in Marokko.[3] Er traf in Marrakesch ein, um Südmarokko in Augenschein zu nehmen, und wird im Anschluss nach Casablanca, Larache und Tanger weiterreisen.[3] Da er auf seiner Mission von dem amerikanischen Militärattaché aus Paris begleitet wird, geht man in diplomatischen Kreisen davon aus, dass er seiner Regierung einen umfassenden Bericht über die militärische Lage erstatten wird.[3] Die Verhandlungsposition der französischen Alliierten bleibt derweil unverrückbar: Von der Gewährung politischer Souveränität für das Rifgebiet könne keine Rede sein, und vor allem werde eine Forderung nach militärischer Souveränität sofort abgelehnt.[3]