In Venedig kam es während der Osterfeiertage zu schweren Zusammenstößen zwischen organisierten Faschisten und amerikanischen Seeleuten.[1][2] Die betroffenen Matrosen befanden sich auf Landgang und gehörten zur Besatzung eines amerikanischen Zerstörergeschwaders, das derzeit mit vier Schiffen im venezianischen Hafen liegt.[3][4] Die amerikanische Zeitung Washington Post beschreibt den Ablauf der Unruhen, die am Karfreitag auf dem Markusplatz ihren Anfang nahmen.[4] Dort wurde ein amerikanischer Seemann von einer Gruppe Schwarzhemden provoziert und als „fettes Schwein“ sowie als Vertreter einer „Shylock-Nation“ beschimpft.[4] Aus den hitzigen Wortwechseln entwickelte sich rasch ein Handgemenge, bei dem der Matrose zunächst ein halbes Dutzend Angreifer abwehrte.[4] Die örtliche Miliz sah dem Treiben laut Augenzeugenberichten tatenlos zu.[4] Schließlich fiel eine noch größere Menge von Faschisten unter dem Ruf „Tod den Amerikanern“ über den Mann her.[4] Der Amerikaner wurde daraufhin von den Behörden verhaftet und verbrachte die Nacht im Gefängnis, während die Angreifer unbehelligt blieben.[4]
Die planmäßigen Ausschreitungen setzten sich am Karsamstag unvermindert fort. Faschistische Trupps versammelten sich vor dem Hotel Cavalette und griffen Seeleute völlig überraschend auf offener Straße an.[4] Erschrockene amerikanische Touristen und der anwesende Vertreter einer Zeitung aus Manchester beobachteten die Gewalttaten von den sicheren Hotelfenstern aus.[4] Die italienischen Zensurbehörden bemühten sich zunächst mit Nachdruck, jede Berichterstattung über die Vorfälle zu unterdrücken.[4] Ausländische Beobachter konnten die Nachrichten jedoch außer Landes bringen.[4] Hinsichtlich der Opfer melden Hamburger Echo und Vorwärts übereinstimmend sieben schwerverletzte Matrosen.[2][3] Nach amerikanischen Angaben erlitt nur ein Seemann schwere, sechs weitere dagegen nur leichte Verletzungen.[4]
In diplomatischen Kreisen beurteilt man die Lage mit großer Sorge.[1] Die Straßenschlachten gelten als direkte Reaktion der Faschisten auf Meldungen, wonach der amerikanische Kongress das italienische Schuldenabkommen blockiert.[4] Dieser finanzpolitische Streit erhält durch die Gewalttaten in Venedig nun eine brisante diplomatische Dimension. Senator William E. Borah, der das diktatorische System in Italien erst kürzlich scharf kritisiert hatte, tritt in den Vereinigten Staaten als einer der Hauptgegner des Abkommens auf.[4] Wie die Neue Freie Presse meldet, blieb Borah mit seinem bisherigen Widerstand gegen den Vertrag im Senat weitgehend erfolglos.[1] Nun beabsichtigt der Politiker jedoch, diesen amerikanisch-italienischen Zwischenfall als Ausgangspunkt für eine harte Auseinandersetzung mit der Regierung von Benito Mussolini zu nutzen.[1] Man rechnet in politischen Kreisen damit, dass Borah dabei auf die Unterstützung der amerikanischen öffentlichen Meinung zählen kann.[1] Führende Blätter sagen übereinstimmend voraus, dass die endgültige Verabschiedung des Vertrags durch den Kongress durch diese Vorfälle zumindest erheblich verzögert wird.[2][3]