Die indische Metropole Kalkutta und ihre industriellen Vororte kommen in diesen Frühlingstagen nicht zur Ruhe. In der Region haben sich in der laufenden Woche schwerwiegende Unruhen entladen, die sowohl auf religiöse Spannungen als auch auf tiefe soziale Konflikte in den Fabrikanlagen zurückzuführen sind. Wie aus übereinstimmenden Meldungen der internationalen Presse hervorgeht, forderte die Welle der Gewalt bereits zahlreiche Todesopfer und Hunderte von Verletzten.[1][2] Während in der Innenstadt vor allem interreligiöse Auseinandersetzungen das Bild prägen, entbrannte im Umland ein gewaltsamer Arbeitskampf.[3]

Den Ausgangspunkt für die industriellen Erschütterungen bildete ein gravierender Zwischenfall in der Vorstadt Guripur. Der Berliner *Vorwärts* meldet, dass dort mehrere tausend Spinnereiarbeiter in einen geschlossenen Proteststreik getreten sind.[3] Als Auslöser der Arbeitsniederlegung gilt das Gerücht, ein Europäer habe einen einheimischen Arbeiter getötet.[3][4] Dem englischsprachigen Blatt *China Mail* zufolge werden diese Vorwürfe gegen den namentlich nicht bekannten Europäer von offizieller Seite jedoch strikt dementiert.[4] Dennoch spitzte sich die Lage vor Ort rasch zu. Die aufgebrachten Streikenden schlossen das örtliche Europäerviertel zeitweise vollständig ein. Bei diesen Auseinandersetzungen erlitten vier Personen schwere Verletzungen.[3] Um eine weitere Zuspitzung der Situation zu verhindern, wurden eilig bewaffnete Polizeiverstärkungen aus Kalkutta und dem nahegelegenen Barrackpore nach Guripur entsandt.[3][4] Durch das schnelle Eingreifen der Sicherheitskräfte endeten die offenen Randalen. Allerdings weigern sich die Arbeiter weiterhin, an ihre Maschinen zurückzukehren.[4]

Parallel zu den sozialen Unruhen in den Industriegebieten wird das Zentrum von Kalkutta von blutigen Straßenkämpfen zwischen der hinduistischen und der muslimischen Bevölkerungsgruppe erschüttert. Nach Berichten des Pariser *Le Temps* kam es bereits am Abend des 5. April zu heftigen Zusammenstößen.[1] Ein Mob von rund tausend Muslimen griff eine Polizeistation an, woraufhin die Beamten das Feuer eröffneten und mehrere der Angreifer verletzten.[1] Die religiös motivierte Gewalt richtete sich in der Folge auch gegen Gotteshäuser; so wurde am Dienstagabend eine Moschee Ziel eines massiven Angriffs.[1] Die spanische Zeitung *El Sol* steuert ein weiteres Detail bei und berichtet von einem erneuten Aufruhr. Dabei attackierte eine Gruppe von vierhundert muslimischen Bootsleuten einen Polizeiposten in der Nähe der Eden-Gärten.[5] Auch hier forderte die britische Kolonialmacht zusätzliche Verstärkungen an, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.[5]

Hinsichtlich der Opferzahlen kursieren derzeit stark voneinander abweichende Angaben in der Auslandpresse. Die *Wiener Zeitung* spricht von einer überaus verheerenden Bilanz und beziffert die Zahl der Getöteten auf 350, während sie 400 Verletzte meldet.[2] Demgegenüber geht *Le Temps* in einer vorsichtigeren Schätzung von 36 Toten und mehr als 500 Verwundeten aus.[1]

Trotz dieser erschütternden Berichte scheint sich die unmittelbare Sicherheitslage allmählich zu stabilisieren. Aus Madrid meldet *El Sol*, dass die betroffenen städtischen Gebiete am 7. April wieder zu ihrem normalen Alltag zurückgekehrt seien.[5] Die Straßenbahnlinien und die übrigen Kommunikationsmittel funktionieren wieder regulär.[5] Dennoch bleibt die Atmosphäre angespannt: Bewaffnete Patrouillen durchstreifen weiterhin die Straßen, um ein erneutes Aufflammen der Konflikte zu verhindern.[5] Das jüngste Kommuniqué der Polizei berichtet von allgemeiner Ruhe, die nur durch vereinzelte nächtliche Zwischenfälle gestört werde.[5]