Nach monatelangen, zermürbenden Kämpfen in Nordafrika zeichnet sich eine diplomatische Lösung des Marokkokonflikts ab.[1] Aufgrund eines Angebots, das ein Emissär Abd el Krims (Abd al-Karims) den französisch-spanischen Behörden unterbreitet hat, werden in Kürze direkte Friedensverhandlungen zwischen den Vertretern der Rifstämme und den europäischen Kolonialmächten beginnen.[1] Als Ort der bevorstehenden Konferenz, die voraussichtlich Mitte der kommenden Woche eröffnet werden soll, haben die Beteiligten die Stadt Ujda (Oujda) an der algerisch-marokkanischen Grenze bestimmt.[2][1] Wie die Nachrichtenagentur Havas bestätigt, laufen die Vorbereitungen in den europäischen Hauptstädten derzeit mit großer Intensität.[1]
Das französische Kabinett hat sich am gestrigen Freitag eingehend mit dem Angebot der Aufständischen befasst und die Zusammensetzung seiner Delegation endgültig festgelegt.[3] Nach Angaben der Badischen Presse entsendet Paris ein erfahrenes Verhandlungstrio: An der Spitze der militärischen Vertretung steht General Simon, der frühere Kommandant des strategisch wichtigen Abschnitts von Taza.[2] Ihm zur Seite stehen Duclos, der Generaldirektor für die Eingeborenendienste der Residenz in Rabat, sowie Ponsot, der Unterdirektor für afrikanische Angelegenheiten im Außenministerium am Quai d'Orsay.[2] Die spanische Regierung hat nach Meldungen der Neuen Freien Presse den Direktor des Marokko-Departements im Madrider Außenamt, Lopez Olivan, zu ihrem Hauptdelegierten ernannt.[3] Er wird in den nächsten Tagen in der französischen Hauptstadt erwartet. Dort werden in gemeinsamen Vorbesprechungen mit den französischen Unterhändlern die Waffenstillstandsbedingungen abgestimmt, bevor die Delegationen gemeinsam nach Ujda abreisen.[2][3]
Auch auf Seiten der Aufständischen sind die personellen Entscheidungen mittlerweile gefallen. Wie das Berliner Tageblatt berichtet, werden die Rifstämme durch ihren Außenminister Mohammed Azerkane sowie durch Mohammed Sid Ahmed Cheddi als offizielle Delegierte vertreten.[4] Der Pariser Quai d'Orsay legt allerdings größten Wert auf die Feststellung, dass die Verhandlungen nicht mit Abd el Krim allein geführt werden dürfen.[3] Vielmehr betonen die französischen Diplomaten, dass sie mit den Anführern sämtlicher Rifstämme verhandeln wollen; Abd el Krim sei lediglich einer dieser bisherigen Kriegsgegner.[3] Dem Harburger Tageblatt zufolge zeigte sich der französische Kriegsminister Painlevé nach dem Ministerrat zuversichtlich und äußerte die Hoffnung, dass die Zusammenkunft in Ujda zu einem greifbaren Abschluss führen werde.[5] Der französische Außenminister Briand betonte, dass sämtliche diplomatischen Schritte in voller Übereinstimmung zwischen Paris und Madrid fortgesetzt würden.[2][3]
Die plötzliche und ausgeprägte Bereitschaft der Kolonialmächte, mit dem bisherigen Gegner auf dem Verhandlungswege zu einer Einigung zu gelangen, erklärt sich in erster Linie aus der äußerst schwierigen militärischen Lage auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz.[1] Aus einem ausführlichen Bericht des Westfälischen Merkurs geht hervor, dass mit dem Eintritt besserer Witterungsverhältnisse die Gefechtstätigkeit wieder merklich zunahm.[1] Im vergangenen Oktober mussten die großangelegten militärischen Operationen infolge der einsetzenden Regenzeit weitgehend eingestellt werden.[1] Nunmehr kam es sowohl an der französischen Front am Fluss Urgha (Ouergha) als auch in der spanischen Zone bei Tetuan zu erbitterten und verlustreichen Kämpfen. Beide europäischen Heere erlitten dabei empfindliche Verluste.[1] Seit Anfang Februar übte die Streitmacht Abd el Krims einen starken militärischen Druck gegen die Mitte der französischen Front nördlich von Fez aus, der sich in den darauffolgenden Wochen deutlich verstärkte.[1]
Besonders schwierig entwickelte sich die operative Lage um das spanische Hauptquartier in Tetuan.[1] Die Stadt wurde über längere Zeit durch mehrere schwere Geschütze beschossen.[1] Abd el Krim hatte diese Artillerie südlich von Tetuan so geschickt im unwegsamen Gelände in Stellung gebracht, dass sie von den spanischen Fliegern bei ihren Aufklärungsflügen nicht entdeckt werden konnte.[1] Ein Versuch der Spanier, Anfang März mit starken Kräften die Geschütze zu erobern, scheiterte unter schweren Verlusten.[1] Die Truppen wurden von den feindlichen Rifleuten in der Flanke gefasst und mussten nach anfänglichen Erfolgen den Rückzug antreten.[1] Nur mit größter Mühe hielten die spanischen Verbände Tetuan, nachdem die marokkanischen Kämpfer bis auf einen Kilometer an die Stadt herangerückt waren.[1] Tetuan liegt seither weiter unter dem Feuer der schweren Artillerie der Aufständischen.[1] Auch die Einnahme von Ajdir an der Bucht von Alhucemas verschaffte den Spaniern nicht die erhoffte strategische Entlastung, und ein weiteres Vordringen in das Landesinnere wurde bislang stets blutig zurückgeschlagen.[1]
Auf französischer Seite stellt sich die Gesamtsituation kaum günstiger dar. Nach der Einstellung der Operationen im vergangenen Herbst zog Frankreich fast seine gesamten weißen Truppen aus Marokko in das Mutterland zurück.[1] Die Verteidigung der bis zum Urgha erreichten Linien wurde somit vorwiegend den verbliebenen farbigen Truppen überlassen.[1] Ihr Gesundheitszustand hat unter den Unbilden des Winters und den klimatischen Herausforderungen stark gelitten.[1] Gegenwärtig stehen den Franzosen in Marokko fünf farbige Divisionen an der Front zur Verfügung, während eine weitere Division bei Fez als operative Reserve zurückgehalten wird.[1] Diese Kräfte reichen vielleicht aus, um ein katastrophales Durchbrechen der Front zu verhindern, jedoch keinesfalls, um Abd el Krim entscheidend zu schlagen.[1]
Die Widerstandskraft des Rifführers ist keineswegs gebrochen. Im Gegenteil, Militärkreise befürchten, dass die bisherigen Gefechte lediglich den Auftakt zu einer weit größeren Offensive bilden.[1] Abd el Krim nutzte die Wintermonate, um eine moderne, gut ausgebildete Truppe von schätzungsweise 50.000 Mann aufzustellen.[1] Hinzu kommen zahlreiche Hilfstruppen aus den regionalen Stämmen, die im unwegsamen Gebirgsgelände besonders kampfkräftig sind.[1] Sollte Frankreich eine militärische Entscheidung suchen, müssten die weißen Divisionen, die erst im vergangenen Herbst abgezogen worden waren, zwingend wieder nach Nordafrika verlegt werden.[1] Aus diesen Gründen berichtete Minister Briand dem Kabinett ausführlich über den Marokkokonflikt und rechtfertigte den Verhandlungsweg. Dieser soll weitere massive Angriffe der Kabylen verhindern, die sonst den Kolonialmächten einen unerwünschten Sommerkrieg aufzwingen könnten.[1]