Wie aus Rom gemeldet wird, hat die lange geplante Nordpolexpedition des norwegischen Polarforschers Roald Amundsen nunmehr ihren Anfang genommen. Das eigens für diesen Zweck umgerüstete Luftschiff Norge ist am gestrigen Vormittag zu seiner kühnen Reise in das nördliche Eismeer aufgestiegen.[1] Nach Berichten des schwedischen Hufvudstadsbladet erfolgte der Start exakt um 9.10 Uhr. Ein zunächst für den 9. April vorgesehener Aufstieg musste wegen widriger Witterungsverhältnisse um einen Tag verschoben werden.[2] Italien, wo das Luftschiff erbaut wurde, nimmt an dem Unternehmen regen Anteil. Der Pariser Figaro hebt hervor, dass Benito Mussolini die Expedition persönlich mit einem namhaften Betrag von 400.000 Kronen an den Baukosten des großen Lenkballons unterstützt habe.[3]
Noch während der ersten Flugstunden über italienischem Boden stand die Norge durch drahtlose Telegrafie in ständiger Funkverbindung mit dem Kreuzer Cavour. Auf diesem befindet sich der italienische Regierungschef gegenwärtig auf einer Reise nach Nordafrika.[3] Der weitere Reiseplan des Luftschiffes sieht vor, zunächst einen englischen Luftschiffhafen anzusteuern — die französische Auslandpresse bezeichnet ihn in ihren Berichten eigentümlicherweise als Norfolk —, bevor die Fahrt über Russland nach Spitzbergen und schließlich zum Polargebiet fortgesetzt wird.[3]
Amundsen hofft inständig, sein Vorhaben diesmal erfolgreich abzuschließen. Sein erster Versuch, den Pol mit einem Motorflugzeug zu erreichen, war beinahe in einer Katastrophe geendet.[3] Zugleich entwickelt sich im arktischen Eis ein regelrechter Wettlauf der Nationen. Dem Figaro zufolge bereiten die beiden amerikanischen Forscher Richard Evelyn Byrd und George Hubert Wilkins fieberhaft eigene Expeditionen vor, um ihrerseits den Nordpol aus der Luft zu erreichen.[3] Amundsen ist fest entschlossen, diesen Konkurrenten zuvorzukommen und als Erster die norwegische und italienische Flagge im ewigen Eis zu hissen.[3]
Ein wesentlicher Teil der logistischen Basis für dieses Unternehmen liegt in der Sowjetunion, wo seit Wochen an der Infrastruktur für den Zwischenhalt gearbeitet wird. Laut dem Hufvudstadsbladet stehen die letzten Vorbereitungen auf dem nach Leo Trotzki benannten Aerodrom in der Nähe von Leningrad kurz vor dem Abschluss.[2] Der dort errichtete Hangar, in dem das Luftschiff untergebracht werden soll, wird als einer der besten der Welt beschrieben. Er ist so konstruiert, dass das Gefährt während seines Aufenthalts vor sämtlichen meteorologischen Unbilden gesichert ist.[2] Darüber hinaus hat die sowjetische Luftflottenabteilung spezielle Kollektoren beschafft, mit deren Hilfe die Norge mit den für die Weiterfahrt notwendigen 12.000 Kubiklitern Wasserstoff versorgt werden kann.[2]
Zur Sicherung des technischen Gelingens hat die Regierung in Moskau eine besondere Kommission für den Empfang der Expedition eingesetzt. Die Leningrader Filiale des allrussischen Ingenieurverbandes hat ein eigenes Komitee zur technischen Unterstützung gebildet.[2] Die Leningrader Prawda berichtet ergänzend, dass das hydrografische Amt strikte Anweisungen an den hydrometeorologischen Dienst der Ostsee erteilt hat. Während des Fluges sollen präzise atmosphärische Beobachtungen durchgeführt werden.[4] Sämtliche geophysikalischen Institutionen der Sowjetunion sind derzeit damit beschäftigt, den günstigsten Tag für die Weiterreise von Leningrad zu berechnen.[2] Per Funk wird Amundsen fortlaufend Wetterberichte von den nördlichsten Stationen des Reiches erhalten.[2] Wie die Prawda weiter ausführt, meldeten die Radiostationen auf der Insel Dikson, in Archangelsk, auf Nowaja Semlja, im murmanskischen Alexandrowsk und am Kanin Nos bereits ihre Einsatzbereitschaft, um der Expedition alle navigatorischen Hilfen zu gewähren.[4]
Trotz dieser gründlichen organisatorischen Vorkehrungen bleiben die Gefahren der Arktis allgegenwärtig. Aus den Meldungen der Prawda geht hervor, dass Amundsen für den Fall einer erzwungenen Landung oder einer Havarie zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen hat. So führt die Norge mehrere Schlittenhunde nebst vollständigem Geschirr und Schlittenausrüstung mit sich, damit die Besatzung im äußersten Notfall einen Rückweg über das Packeis antreten kann.[4] In den kommenden Wochen wird sich über den Eisfeldern Spitzbergens zeigen, ob die sorgfältig geplanten Vorbereitungen ausreichen, um den amerikanischen Flugzeugexpeditionen den erhofften Sieg streitig zu machen.[3]