Die chaotischen Zustände in der chinesischen Hauptstadt haben eine abermalige, dramatische Wendung genommen. In den frühen Morgenstunden des Freitags vollzog sich in Peking ein unblutiger Staatsstreich, der die politischen Machtverhältnisse im fernen Osten von Grund auf neu ordnet.[1] Die Kommandeure der Kuomintschun-Armee (Guominjun), die bisher treu zu ihrem Führer Fengjusian gestanden hatten, setzten den bisherigen Machthaber und amtierenden Staatspräsidenten Tuantschidschui ab.[1] Nach Meldungen des Hufvudstadsbladet reichte Tuantschidschui daraufhin umgehend seinen offiziellen Rücktritt ein.[2]
Der Handstreich erfolgte nachts um zwei Uhr in vollkommener Ruhe. Zuvor hatte sich die Leibgarde des gestürzten Präsidenten auf defensive Positionen in dessen Residenz und den Kabinettsbüros zurückgezogen.[1] Kurz darauf suchte Tuantschidschui Schutz im Gesandtschaftsviertel; dem Pariser Figaro zufolge fand er in der französischen Legation Zuflucht.[3] Das Hauptquartier der Volksarmee hat ein Manifest veröffentlicht, in dem angekündigt wird, dass dem abgesetzten Präsidenten der Prozess gemacht werden soll.[4] Parallel dazu öffneten sich die Tore des Gefängnisses für eine prominente politische Figur: Der vor eineinhalb Jahren gestürzte ehemalige Präsident Tsaokun wurde von den Putschisten aus seiner Haft befreit.[1] Aus Berichten des Hufvudstadsbladet geht hervor, dass Tsaokun vor einer umfassenden Rehabilitierung steht.[2]
Das bemerkenswerteste Resultat dieses Umsturzes ist jedoch die Rückkehr des Marschalls Wu Pei-Fu auf die politische Bühne. Ebendieser Wu Pei-Fu war seinerzeit von Fengjusian und dessen Verbündeten aus Peking vertrieben worden.[1] Nun ergeht von den Führern der Kuomintschun der dringende Appell an ihn, in die Hauptstadt einzurücken und die staatliche Ordnung wiederherzustellen.[2] General Lutschunglin (Lu Zhonglin), der erst kürzlich das Oberkommando der Kuomintschun aus den Händen Fengjusians übernommen hatte, unterstellte sich formell den Befehlen seines einstigen Erzfeindes.[2] Dieser plötzliche Loyalitätswechsel ist eine Folge wachsender Unzufriedenheit in der Truppe mit dem sogenannten christlichen General Fengjusian.[2] Der Washington Post zufolge hat sich Letzterer bereits in das mongolische Urga (Ulaanbaatar) zurückgezogen.[1]
Die militärische Lage bleibt unterdessen angespannt, auch wenn sich die Waagschale zugunsten Wus neigt.[1] Nach übereinstimmenden Depeschen der Auslandpresse rückt Marschall Wu Pei-Fu mit seiner Hupeh-Armee (Hubei-Armee) vom Jangtsekiang nach Norden vor.[1] Er hat bereits Paotingfu (Baoding), rund achtzig Meilen südwestlich von Peking, erreicht.[1] Der amerikanische Gesandte in Peking, Macmurray, berichtete seiner Regierung in Washington, dass die vollständige Verschmelzung der Truppenkörper von Wu Pei-Fu und der Kuomintschun noch nicht abgeschlossen sei, sich die Lage jedoch zunehmend festige.[1] Während die Verbände der Kuomintschun die Hauptstadt fest in ihrer Hand halten und im Süden durch die vorrückenden Truppen Wus gedeckt werden, verharren die feindlichen Kräfte der Fengtien- und Schantung-Armeen im Nordosten in abwartender Stellung.[1] Dass der mandschurische Kriegsherr Tschangtsolin (Zhang Zuolin) in naher Zukunft in die Offensive übergeht, wird in diplomatischen Kreisen vorerst bezweifelt.[1]
In der internationalen Presse wird die neue Konstellation lebhaft und mit unterschiedlichen Akzenten diskutiert. Die Moskauer Prawda widmet den Vorgängen ausführliche Betrachtungen und sieht in den Ereignissen das definitive Ende des bisherigen Bündnisses zwischen Wu Pei-Fu und Tschangtsolin.[4] Der Sturz der pekingtreuen Regierung könne nach Ansicht sowjetischer Regierungskreise zur Befriedung des Nordens beitragen.[4] Gleichzeitig sinkt der militärische Druck auf die revolutionäre Regierung in Kanton, weil ein gemeinsamer Feldzug der Nordmilitaristen gegen den Süden nun unwahrscheinlich erscheint.[4] In Moskau wird ferner darauf hingewiesen, dass der politische Umschwung den ständigen Intrigen imperialistischer Mächte, welche auf Konflikte zwischen der Sowjetunion und China hinarbeiten, vorerst entgegentrete.[4] Wie das sowjetische Blatt weiter ausführt, verhandeln die neuen Machthaber bereits über die rasche Bildung einer provisorischen Regierung.[4]
Die tieferen Ursachen für die fortwährenden Erschütterungen des chinesischen Staatswesens liegen in der nicht bewältigten Transformation des Landes. Die Kölnische Zeitung weist in einem fundierten Leitartikel darauf hin, dass die alten Machthaber schon unter der Dynastie „kein Verständnis für eine moderne Geistesrichtung“ besaßen und nicht vermochten, „die nach Neuerung drängenden Kräfte dem überlieferten Staatsgedanken einzugliedern“.[5] Während das kleine Inselreich Japan die westliche Kultur und Technik in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich übernommen hat, verstrickten sich die jungen chinesischen Eliten meist zu bloßen Verschwörern; ihr Sendungsbewusstsein war häufig größer als ihr staatspolitischer Weitblick.[5] Der aktuelle Putsch in Peking ist somit nur eine weitere Episode in dem Ringen Chinas um eine tragfähige und dauerhafte Form der Staatlichkeit. In diesem Ringen fällt Marschall Wu Pei-Fu nun erneut die schwierige Rolle des ordnenden Schiedsrichters zu, von dessen Geschick die unmittelbare Zukunft der chinesischen Republik abhängen wird.