Die chinesische Hauptstadt wird in diesen Tagen von einem dramatischen politischen und militärischen Umsturz erschüttert, der die unübersichtlichen Machtverhältnisse der konkurrierenden Marschälle abermals grundlegend verschiebt. Östlich von Peking sind schwere Kämpfe entbrannt.[1] Nach zweitägigen und zweinächtigen ununterbrochenen Gefechten dringen die mandschurischen Truppen des Marschalls Tschangtsolin weiter auf die Hauptstadt vor.[2] Allerdings leisten die nationalistischen Verbände der Kuomintschun (Guominjun) in den Vorstädten Fengtai und Tongzhou noch immer erbitterten Widerstand.[2] Der Kanonendonner ist bis in die Innenstadt von Peking deutlich zu vernehmen. Pausenlos treffen Transporte mit Verwundeten ein.[2]

Währenddessen hat sich innerhalb der Stadtmauern ein unerwarteter Staatsstreich vollzogen, der die bisherige Regierung hinweggefegt hat. Das Hauptquartier des Machthabers, des sogenannten Reichsverwesers Tuan Chi-jui, wurde in völliger Heimlichkeit von Truppen umstellt.[3][4] Die Stadttore blieben in der Nacht geschlossen, und die telefonischen Verbindungen waren über Stunden hinweg unterbrochen.[4] Einer an den Mauern Pekings angeschlagenen Proklamation der Kuomintschun-Armee zufolge habe der Machthaber seit seinem Amtsantritt dem Lande auf jede erdenkliche Weise schweren Schaden zugefügt.[3] Nach Ansicht des Manifests müsse gegen derartige Personen mit strengen Maßnahmen vorgegangen werden.[4] Tuan Chi-jui wurde daraufhin für abgesetzt erklärt.[4] Um einer drohenden Massenhinrichtung der Regierungsmitglieder zu entgehen, flüchtete der gestürzte Präsident in den frühen Morgenstunden in das diplomatische Viertel.[4] Während erste Meldungen der Helsingin Sanomat von einer Zuflucht in der französischen Gesandtschaft sprachen, geht aus Londoner Telegrammen hervor, dass er sich in die japanische Vertretung gerettet hat.[4]

Hinter diesem Umsturz verbirgt sich eine tiefgreifende diplomatische und militärische Neuausrichtung. Das Hamburger Echo analysiert, dass die bisherige Koalition zwischen Tschangtsolin und Marschall Wupeifu zerbrochen ist.[5] Wupeifu, der in den vergangenen Jahren als Parteigänger Englands und Amerikas agierte und wiederholt seine Feindschaft gegenüber Moskau bekundete, scherte aus der gemeinsamen Front aus.[5] Er verhandelte eigenmächtig mit den eingeschlossenen Pekinger Truppen, jedoch nicht mit deren nominellem Führer, dem als moskaufreundlich geltenden Fengyusiang, sondern mit dessen Unterfeldherrn Lutschinglin (Lu Zhonglin).[5] Fengyusiang, dessen pietistische Neigungen auf amerikanische Missionare zurückgehen sollen, hatte in letzter Zeit zunehmend Anbindung an Sowjetrussland gesucht.[5]

Als sichtbares Zeichen dieser neuen Verständigung wurde der ehemalige chinesische Präsident Tsaokun, der bisher von den Truppen der Kuomintschun gefangen gehalten wurde, umgehend aus der Haft entlassen.[5][4] Die Kommandeure der Nationalarmee appellierten inzwischen telegrafisch an Wupeifu, unverzüglich nach Peking zu eilen und die Führung der Staatsgeschäfte zu übernehmen.[4]

Für die künftige Entwicklung bedeutet dies eine bemerkenswerte Isolierung zweier bisheriger Hauptakteure. Tschangtsolin steht nun allein den vereinigten Kräften gegenüber. Der bisherige Herrscher von Peking, Fengyusiang, wurde praktisch entmachtet.[5] Sein Verbleib ist derzeit ungewiss; es kursieren hartnäckige Gerüchte über seine Flucht in die Mongolei.[5] Die Geschäftswelt der Hauptstadt wurde aufgefordert, ihre Tätigkeiten wiederaufzunehmen, da die neue Militärführung die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung garantiere und die Verbreitung falscher Gerüchte streng bestrafen werde.[4] Es bleibt abzuwarten, ob die englandsympathisierende Partei um Wupeifu ihre neu gewonnene Macht in den Trümmern des chinesischen Bürgerkrieges festigen kann.[5]