Die Inspektionsreise des italienischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini nach Tripolis hat sich in den vergangenen Tagen zu einer beispiellosen kolonialen Machtdemonstration entwickelt.[1][2] Was offiziell als einfacher Verwaltungsakt deklariert war, entpuppt sich als weithin sichtbares Fanal einer neuen imperialen Außenpolitik.[2] Unter der afrikanischen Sonne zelebriert der Faschismus seinen Herrschaftsanspruch in einer Form, die weit über die Grenzen der Kolonie hinausreicht. In den europäischen Kabinetten, allen voran in Paris, wird dies mit unverhohlener Sorge registriert.[1] Niemand in der internationalen Diplomatie wird sich über den wahren Sinn dieser Flotten- und Kolonialpolitik noch täuschen können.[1]
Über die orientalisch anmutenden Feierlichkeiten und den prunkvollen Empfang an der tripolitanischen Küste liegen inzwischen detaillierte Berichte vor.[3][4] Sowohl der Gouverneur der Kolonie, General De Bono, als auch Mussolini trugen bei den Feierlichkeiten das schwarze Faschistenhemd.[3] De Bono hatte darunter seine Generalsuniform angelegt.[3] Mussolini präsentierte sich in der einfachen Korporalsuniform der faschistischen Miliz, über der das orangefarbene Band des Annunziatenordens leuchtete.[3] Auf sein schwarzes Barett hatte der Diktator einen markanten weißen Federbusch gepflanzt, wodurch das Ganze an eine orientalische Kopfbedeckung erinnerte. Dies machte auf die arabische Bevölkerung einen außerordentlichen Eindruck.[3]
Der Bürgermeister von Tripolis, Hassuna Pascha, empfing den hohen Gast am Rathaus und überreichte ihm im Namen der gesamten Region kostbare Geschenke.[3][5] Darunter befanden sich eine Schreibtischgarnitur aus massivem Gold, wertvolle Satteldecken sowie ein reich verzierter arabischer Säbel.[5][4] Bei der Übergabe betonte der Bürgermeister in seiner Begrüßungsansprache, dass dieses Präsent ein Symbol darstelle. Nur wenige Menschen, so Hassuna Pascha, verstünden es, wie Mussolini gleichermaßen die Feder und den Degen virtuos zu handhaben.[5] Er hob zudem die tiefe Liebe der Tripolitaner zu Italien hervor und versicherte sein unerschütterliches Vertrauen in das Aufblühen der Kolonie unter De Bonos weiser und gütiger Verwaltung.[3]
Nach dem feierlichen Empfang nahm Mussolini zu Pferde den über eine Stunde andauernden Vorbeimarsch der Truppen ab.[3] Wie das Berliner Tageblatt meldet, sorgte während der Festivitäten ein amerikanischer Korrespondent namens Wiener, der Vertreter der Nachrichtenagentur Associated Press, für besonderes Aufsehen.[3] Er drängte sich im allgemeinen Tumult an den Diktator heran und rief ihm laut den lateinischen Gruß „Salve Imperator“ zu. Dies rief bei der begeisterten Menge unbändige Jubelstürme hervor.[3][4]
Die Reden, die Mussolini während seines Aufenthaltes hielt, ließen an imperialer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.[5] Entgegen ersten Erwartungen, er werde auf eine große rednerische Kundgebung verzichten und lediglich die Grüße des Königs überbringen, nutzte der Ministerpräsident einen Besuch am Sitz der lokalen faschistischen Parteigliederung für programmatische Äußerungen.[4] Er sprach die versammelte Menge als „italienische Faschisten von Tripolis“ an und mahnte sie, ihr ganzes Ich rücksichtslos in den Dienst des durch den Faschismus geretteten Vaterlandes zu stellen.[3] Den anwesenden Parteivertretern erklärte er unmissverständlich, er wünsche, dass die Schwarzhemden in die afrikanische Kolonie kämen, um dort Dienst zu tun. Diese sollten so der kleinlichen Lokalpolitik der Heimat entzogen werden.[5] Seine Reise dürfe keinesfalls als schlichte Verwaltungshandlung ausgelegt werden, sondern sei vielmehr eine Bekundung der Macht jenes Volkes, das seine stolze Herkunft von Rom ableite.[2] Mit donnerndem Pathos rief Mussolini aus: „Wir waren groß im Mittelmeer, und wir werden es wieder werden!“[3] Es sei nicht ohne tiefere Bedeutung, dass er diese Worte an den Ufern jenes Meeres spreche, das einst Roms Meer war und in Zukunft unweigerlich wieder Roms Meer sein werde.[5][2][4]
Bevor der Regierungschef am Donnerstag nach der Besichtigung der antiken römischen Stätten von Sabratha und Leptis Magna sowie der Versuchsfelder des örtlichen Ackerbauinstituts die Heimreise antritt, hat er auf dem Kontinent Worte gesprochen, die in Europa als ernsthafte Drohung verstanden werden müssen.[4] Bereits im September des vergangenen Jahres hatte Mussolini auf der Jahresfeier des sogenannten Marsches auf Rom das Jahr 1926 als das „napoleonische Jahr“ des Faschismus ausgerufen.[1][2] Konnte man diese Prophezeiung in manchen Hauptstädten anfangs noch als bloße rhetorische Übertreibung eines hitzigen lateinischen Temperaments abtun, so zwingt die aktuelle Entwicklung zu einer äußerst nüchternen Betrachtung.[2] Dem Vorwärts zufolge wird sich der Faschismus im Inneren nur dann behaupten können, wenn ihm außenpolitisch und kolonial greifbare, triumphale Erfolge gelingen.[1] Nachdem die innenpolitische Konsolidierung abgeschlossen und die viel gepriesene Ordnung hergestellt ist, drängt eine kaum abzuwendende Notwendigkeit den italienischen Diktator zu außenpolitischen Unternehmungen.[2]
Die Stoßrichtung dieser aggressiven Expansion ist unverkennbar. Vor seiner Abreise nach Afrika hatte Mussolini das neue Parteidirektorium auf dem Schlachtschiff „Cavour“ im Hafen von Ostia empfangen und dort in geradezu wilhelminischer Manier erklärt: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser.“[1] Das Hauptziel dieser Ambitionen liegt in Nordafrika und kollidiert unmittelbar mit den französischen Interessen.[1][2] Das französische Protektorat Tunis, dessen europäische Bevölkerung in übergroßer Mehrheit aus Italienern besteht, denen Paris nach römischer Lesart die französische Staatsbürgerschaft aufgezwungen hat, rückt immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses der faschistischen Regierung.[2] Die Parole „Tunis“ ist längst zum offiziellen Bestandteil der römischen Politik erhoben worden. Dies führt zwangsläufig zu einer gefährlichen Spannung zwischen den beiden lateinischen Schwesternationen.[1]
Die unverhüllten Drohungen Roms richten sich jedoch nicht ausschließlich gegen die Republik Frankreich. Nach Angaben des Hamburger Echos stoßen die italienischen Expansionspläne auch im östlichen Mittelmeer auf den entschiedenen Widerstand der Türkei, insbesondere wenn es um die Vorherrschaft über Rhodos und die Inseln des Dodekanes geht.[2] Ebenso betrachten England und Abessinien die italienischen Vorstöße an der afrikanischen Ostküste, namentlich in Somaliland und Eritrea, mit wachsendem Misstrauen.[2] Dort sind die territorialen Spannungen historisch tief verwurzelt. Erst vor wenigen Wochen jährte sich zum dreißigsten Mal die blutige Schlacht von Adua. In dieser Schlacht im Jahre 1896 schlug der Negus von Abessinien die Truppen des italienischen Generals Baratieri vernichtend und bereitete so dem damaligen Großmachttraum ein jähes Ende.[2] Die gegenwärtigen italienisch-englisch-französischen Verhandlungen über Grenzziehungen in Afrika dürften Rom kaum jene weitreichenden strategischen Erfolge bringen, welche Mussolinis Programm zur Durchsetzung gegen eine angebliche „Welt von Feinden“ verlangt.[2]
Für die deutsche Außenpolitik ergeben sich aus diesen Entwicklungen zwingende, warnende Schlussfolgerungen. In Teilen der deutschnationalen Presse und Politik wird in jüngster Zeit offen mit dem Gedanken einer deutsch-italienischen Annäherung geliebäugelt, die sich als machtpolitisches Instrument gegen Frankreich richten könnte.[1] Aus der Vossischen Zeitung geht jedoch in einem Beitrag von Dr. Hans von Hentig hervor, dass gerade Italiens afrikanische Aspirationen das Deutsche Reich in der Vergangenheit teuer zu stehen kamen.[2] Sie führten einst zur fatalen Dreibundtäuschung und verwickelten Deutschland in Bündnisse, deren Wert im entscheidenden Moment keine Bestand hatte.[2] Das Ziel der mühsam angebahnten deutsch-französischen Verständigung, welche das Fundament des europäischen Friedens bilden soll, darf unter keinen Umständen dem Risiko eines kolonialen Abenteuers der Regierung Mussolini geopfert werden.[1] Wenn am Tiber der gefährliche Cäsarenwahn um sich greift und Schatten der Geschichte beschworen werden, ist die deutsche Diplomatie gut beraten, kühl und besonnen auf ihrem Kurs zu bleiben, statt sich in fremde Mittelmeerkonflikte hineinziehen zu lassen.[1][2]