Das britische Parlament tritt am morgigen Tage nach den Osterferien wieder zusammen, und die alles überschattende Frage der englischen Innenpolitik ist unzweifelhaft die schwelende Kohlenkrise.[1] Wenn sensationslüsterne Berichte schon seit einer Woche täglich von einer akuten Zuspitzung sprechen, so ist das in dieser Form unzutreffend.[1] Bisher haben vielmehr beide Parteien — Unternehmer wie Bergarbeiter — es meisterhaft verstanden, die Angelegenheit in aller Ruhe hinauszuzögern.[1] Das offensichtliche Ziel dieser Taktik ist es, die Regierung schließlich in eine Zwangslage zu manövrieren.[1] Nun verbleiben nur noch knapp drei Wochen Zeit bis zum endgültigen Ablauf des britischen Subventionsgesetzes am ersten Mai.[1][2] Zudem muss das allgemeine Lohnabkommen vierzehn Tage vor diesem Termin gekündigt werden.[1] In parlamentarischen Kreisen wird fest damit gerechnet, dass die Grubenbesitzer diesen Schritt auf jeden Fall vollziehen werden.[1] Sie können die Kündigung naturgemäß jederzeit zurücknehmen, falls in der Zwischenzeit doch noch eine Tarifeinigung erzielt wird.[1]

Sechs Wochen nach der Erstattung des umfangreichen Kohlenberichtes ist man in den Sachfragen jedoch noch keinen einzigen Schritt weitergekommen.[1] Die Grubenbesitzer haben den Bericht des Enqueteausschusses zwar grundsätzlich angenommen.[1] Sie lehnen allerdings jede positive Äußerung über den genauen Umfang der notwendigen Lohnermäßigung strikt ab und verweisen stattdessen auf die kommenden regionalen Verhandlungen.[1] Die Arbeitervertreter haben sich ihrerseits noch überhaupt nicht festgelegt.[1] Sie haben stattdessen Zeit gewonnen, indem sie die gesamte Lohnfrage noch einmal in die einzelnen Distrikte zur Abstimmung verwiesen haben.[1] Diese dezentralen Abstimmungen haben bisher noch nirgends in verbindlicher Form stattgefunden.[1] Die Gewerkschaften haben sich durch das Fehlen konkreter Beschlüsse die Möglichkeit für eine erneute Vertagung offengehalten.[1]

Aus den Provinzen dringen derweil zunehmend radikale Töne an die Öffentlichkeit. Wie die Neue Freie Presse berichtet, hat der Bezirksverband Yorkshire der englischen Bergarbeitergewerkschaft soeben drei von der Delegiertenkonferenz überwiesene Resolutionen offiziell angenommen.[3] Diese Beschlüsse richten sich kategorisch gegen die Herabsetzung der Löhne, gegen jegliche Verlängerung der Arbeitszeit und gegen den Abschluss von Bezirksabkommen.[3] Kennzeichnend für die zunehmend gespannte Lage in der britischen Industrie ist eine Erklärung von Herbert Smith, dem Vorsitzenden der Gesamtgewerkschaft.[3] Er äußerte in einer Ansprache die feste Hoffnung, dass die Bergarbeiter im Falle eines Streikaufrufes loyale Gefolgschaft leisten würden.[3] Die Ergebnisse dieses bevorstehenden Wirtschaftskampfes im Bergbau seien von entscheidender Bedeutung für die zukünftige Lage der gesamten englischen Arbeiterschaft.[3]

Die moderateren Gewerkschaftsführer bemühen sich weiterhin, die Stimmung unter den Arbeitern zumindest oberflächlich ruhig zu halten.[1] Auch von dem sogenannten Industriekomitee der britischen Gewerkschaften geht ein gewisser besänftigender Einfluss aus.[1] In London glaubt man jedoch allgemein, dass die Auseinandersetzungen wieder zunehmen werden, wenn sich Ende dieser Woche die Bergarbeiterinternationale in Brüssel trifft.[1] Dort soll ernsthaft darüber verhandelt werden, eine Verminderung des Kohlenimports aus anderen europäischen Ländern herbeizuführen, um die Wirkung eines britischen Streiks nicht durch ausländische Lieferungen abzuschwächen.[1]

Angesichts dieser Verzögerungstaktik wird die Regierung nun sichtlich nervös.[1] Vor diesem Hintergrund treten die Grubenbesitzer und der Vorstand der Bergarbeiter am heutigen Tage in London zur Fortsetzung der wenig aussichtsreichen Verhandlungen zusammen.[3] Premierminister Baldwin hat nun die Absicht, in den Konflikt persönlich einzugreifen, falls bei dieser Zusammenkunft kein Durchbruch erzielt wird.[1] Nach Angaben der Neuen Freien Presse hat Baldwin durch Agenturen unmissverständlich ankündigen lassen, dass er beide Parteien unverzüglich zu sich laden werde, wenn die Unterredungen ergebnislos bleiben.[3] Die offiziöse Erklärung aus der Downing Street schließt mit einer scharfen Warnung an die Tarifpartner. Da nur noch sehr wenig Zeit vorhanden ist, kann die bisherige Politik — das bloße Manövrieren für eine Verbesserung der eigenen Position — nicht auf unbestimmte Zeit fortgesetzt werden.[3] Falls keine Grundlage für rasch abzuwickelnde Verhandlungen gefunden wird, wird die Regierung eingreifen und den Parteien den Ernst der Lage zu Gemüte führen.[3] Das Kabinett wird den Bergbau nur unter der strikten Bedingung über den ersten Mai hinaus aus öffentlichen Mitteln subventionieren, dass Arbeiter und Grubenbesitzer zuvor auf Grundlage des Enqueteberichtes einen vernünftigen Kompromiss abgeschlossen haben.[3]

Wenn eine solche Einigung in letzter Minute zustande kommt, wird das Unterhaus das laufende Gesetzgebungsprogramm drastisch umgestalten.[1] Das Parlament wird dann alle anderen gesetzgeberischen Maßnahmen — vielleicht sogar die Beratungen über das neue Budget von Finanzminister Churchill — zurückstellen, um die durch den Kohlenbericht notwendig gewordene Gesetzgebung sofort in Angriff zu nehmen.[1] Die Regierung hat hierzu bereits nicht weniger als elf neue Gesetzentwürfe vorbereitet.[1] Darunter befinden sich weitreichende Maßnahmen zur Enteignung der Kohlenregalien sowie zur Schaffung verschiedener neuer Kommissionen, welche der Untersuchungsausschuss in seinem Befund empfohlen hat.[1]

Die grundlegende Frage der Reform des englischen Bergbaus steht keineswegs erst seit gestern zur Debatte.[2] Ein Blick in die Historie zeigt, dass das strukturelle Problem das Land bereits seit dem Jahre 1918 beschäftigt.[2] Als nach der Beendigung des Weltkrieges eine sozialistische Welle die Volkswirtschaften Europas durchlief, wurde diese auch von den englischen Bergarbeitern mit Begeisterung aufgenommen.[2] In jener bewegten Epoche stand die britische Bergwirtschaft bereits einmal dicht vor der Verstaatlichung.[2]

Die anhaltende Krise und die künstliche Stützung durch staatliche Gelder haben längst massive internationale Auswirkungen, die besonders den Kontinent betreffen. Der Wegfall der Subventionen und eine mögliche Neuordnung im englischen Bergbau können nicht ohne weitreichenden Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Ausfuhrpreise bleiben.[2] Unter dem Druck der englischen Regierungssubvention sank der britische Ausfuhrpreis für Kohle von über einundzwanzig Shilling im Dezember 1924 bis auf etwas mehr als achtzehn Shilling am Ende des Jahres 1925.[2]

Zwar konnte Deutschland den Auslandsmarkt mit beachtlichen Zahlen zurückerobern, die sogar das Niveau des letzten Friedensjahres 1913 übertrafen.[2] Der deutsche Gesamtexport betrug zuletzt achtundzwanzig Millionen Tonnen, wovon dreizehneinhalb Millionen auf Reparationslieferungen entfielen, während im gesamten Jahr 1913 lediglich vierundzwanzigeinhalb Millionen Tonnen exportiert worden waren.[2] Dem Badische Presse-Bericht zufolge ließ sich diese erhebliche Ausweitung des Volumens jedoch nur unter empfindlichen Preiszugeständnissen erreichen, die durch das englische Dumping erzwungen wurden.[2] Eine Entlastung des deutschen Bergbaues auf den hart umkämpften Auslandsmärkten durch ein Ende der britischen Subventionen könnte deshalb rasch zu einer veränderten Preispolitik auf dem Inlandsmarkt führen.[2] Von der heutigen Stellungnahme der Arbeitervertreter zum Kommissionsbericht wird daher nicht nur das Schicksal der britischen Industrie, sondern auch die weitere Entwicklung der europäischen Kohlenwirtschaft wesentlich beeinflusst werden.[2]