Die diplomatische Landkarte Mitteleuropas erfährt in diesen Tagen eine bemerkenswerte Festigung. Der polnische Ministerpräsident und Außenminister Graf Skrzynski befindet sich auf einer Reise nach Prag und Wien, die zwar offiziell als Gegenbesuch für die Visiten der dortigen Amtskollegen im vergangenen Jahr deklariert ist, jedoch weitreichende politische Bedeutung trägt.[1] In einem Interview betonte Skrzynski selbst, dass die Reise neben Höflichkeitsakten vor allem der Klärung drängender politischer Probleme und der Vorbereitung eines mitteleuropäischen Garantiepakt-Systems diene.[2] Dieses oft zitierte Ost-Locarno soll, wie der Minister erklärte, den europäischen Frieden festigen, auch wenn man bislang noch zu keinem konkreten Beschluss gelangt sei.[2]

In Prag traf Skrzynski zunächst mit dem tschechoslowakischen Außenminister Benesch zusammen. Wie die Neue Freie Presse darlegt, ist dieser Besuch ein Zeichen dafür, dass die bisherigen Spannungen zwischen den beiden Nachbarstaaten zurückgehen.[3] Diese Reibungen resultierten unter anderem aus dem Friedensvertrag, der das wichtige Kohlengebiet in Schlesien der Tschechoslowakei zusprach.[3] Auch der Umstand, dass die Regierung in Prag zeitweise die ukrainische Minderheit begünstigt hatte, sowie unterschiedliche Haltungen zu Russland, belasteten das Verhältnis.[3] Nun sollen ein Arbitragevertrag und ein Handelsabkommen eine verlässliche Grundlage für die künftigen Beziehungen zwischen Polen und der Tschechoslowakei schaffen.[2][1] Dem Pariser Temps zufolge äußerte Benesch jüngst in der Baltischen Presse, dass die engeren Beziehungen zwischen Polen und der Tschechoslowakei zu einer Zusammenarbeit auf der Basis von Bündnis und Freundschaft führen würden, mit dem Ziel, den territorialen Status quo abzusichern.[1]

Darüber hinaus suchen Warschau und Prag eine gemeinsame Linie in internationalen Fragen. Neben einer Abstimmung für die kommende Weltwirtschaftskonferenz und die geplante Abrüstungskonferenz geht es vor allem um die Erweiterung des Völkerbundrates.[1] Die französische Diplomatie fordert nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung nachdrücklich, dass sowohl Polen als auch die Kleine Entente gleichzeitig im Völkerbundrat vertreten sein müssen.[4] In Paris erwartet man von den Verhandlungen in Prag im Wesentlichen den Abschluss eines Bündnisses, das als verlässlicher Schutz der Verträge in Osteuropa dienen soll.[4] Der französische Abgeordnete Paul-Boncour ging in diesem Zusammenhang sogar so weit, den polnischen Soldaten als Wächter der westlichen Zivilisation zu bezeichnen.[4]

Am Donnerstagvormittag wird Graf Skrzynski auf der Rückreise von Prag in der österreichischen Hauptstadt eintreffen.[4] Das offizielle Programm umfasst neben Unterredungen mit Bundeskanzler Ramek auch einen Empfang beim Bundespräsidenten Hainisch (Michael Hainisch) und eine Galavorstellung in der Oper.[4] In Wien werden vornehmlich wirtschaftspolitische Fragen und die Völkerbundfrage behandelt.[4][2] In den Gesprächen mit dem Kanzler steht jedoch vor allem der Entwurf eines Schiedsvertrages zwischen Österreich und Polen im Mittelpunkt.[4] Wie Skrzynski andeutete, könnte dieses Arbitrageabkommen möglicherweise noch vor seiner für Freitagnacht geplanten Rückkehr nach Warschau unterzeichnet werden.[4][2]