Die französische Regierung hat gemeinsam mit Spanien die Leitlinien für die kommenden Verhandlungen mit den Vertretern der Rifkabylen festgelegt.[1] Wie der Figaro meldet, sollen die diplomatischen Gespräche am 16. April im marokkanischen Oudjda (Oujda) beginnen. Ziel ist es, eine Befriedung des nordafrikanischen Unruheherdes zu versuchen.[1] Paris verlangt dabei die denkbar präzisesten Garantien gegen ein neuerliches Aufflammen der Aufstandsbewegung unter Abd el Krim.[1] Zwar sind diplomatische Kontakte in die Wege geleitet worden, jedoch bereiten die beiden Kolonialmächte weiterhin umfassend militärische Maßnahmen vor. Sollte es zu keinem Ergebnis bei den Unterredungen kommen, könnten sie unverzüglich militärisch eingreifen.[1]

Die inoffiziellen Bedingungen, auf die sich die spanischen und französischen Verhandlungsführer — darunter der spanische Delegierte Olivan — geeinigt haben, zielen auf eine weitreichende Entmachtung der Rif-Bewegung ab.[2] Nach Angaben der Neuen Freien Presse umfassen die Forderungen zunächst die unbedingte Anerkennung der Souveränität des marokkanischen Sultans. Außerdem ist die Respektierung der bestehenden französischen und spanischen Protektoratsgrenzen verlangt.[2] Zwar sind die Franzosen bereit, dem Rifgebiet eine gewisse Autonomie zuzugestehen, doch diese soll sich ausschließlich auf verwaltungstechnische Befugnisse beschränken.[2] Abd el Krim selbst wird nicht mehr als Sultan, sondern allenfalls als lokaler Scheich behandelt.[2] Um ihm seinen militärischen und politischen Einfluss zu entziehen, fordern Paris und Madrid, ihn räumlich zu isolieren: Er soll sich in einem abgelegenen Gebiet bei Stämmen aufhalten, die ihm nicht bedingungslos ergeben sind. Insbesondere darf er nicht in Schechauen (Chefchaouen) oder Targuist residieren.[2] Darüber hinaus verlangen die Alliierten die vollständige Entwaffnung sämtlicher Rifkabylen, mit Ausnahme einer streng kontrollierten lokalen Miliz.[2]

Dass die militärische Drohkulisse den Verhandlungen ihr Gepräge gibt, zeigt sich bereits in der organisatorischen Vorbereitung. Wie die Badische Presse berichtet, reist der französische General Simon zunächst allein nach Oudjda. Der Zivildelegierte Ponsot und der Spanier Olivan verbleiben vorerst in Madrid.[3] Somit werden zunächst die Militärs das erste Wort führen.[3] Die Vertreter der Rifkabylen sollen die französischen Linien nördlich von Taza passieren und von dort mit Automobilen nach Oudjda gebracht werden.[3] Dieses Vorgehen dient offenbar auch dem Zweck, den Abgesandten die gewaltigen Aufmarschvorbereitungen der Franzosen sichtbar zu machen.[3] Zugleich beabsichtigen die Spanier, ihre Linien im Raum Tetouan weiter vorzuschieben, um Schechauen zu bedrohen.[3] Auch die Franzosen planen eine Vorverlegung ihrer Front, damit die Umkreisung des Rifgebietes im Osten enger gefasst werden kann.[3]

Ob Abd el Krim unter diesen Umständen einlenken wird, erscheint fraglich. Die Londoner Daily Mail vertritt die Auffassung, dass die Rifkabylen derartige Bedingungen — vor allem die faktische Entwaffnung und die Entfernung ihres Führers — niemals akzeptieren werden, es sei denn, sie wären auf dem Schlachtfeld bereits vernichtend geschlagen.[3] Auch in der französischen Hauptstadt mehren sich Stimmen, die den Verhandlungen äußerst skeptisch gegenüberstehen. So warnt der Figaro eindringlich vor den Nachteilen eines unbegründeten Optimismus; ein voreiliger Friedensschluss könne dem Gegner lediglich die Möglichkeit bieten, sich für einen künftigen Krieg zu rüsten.[1] Dem Echo de Paris zufolge billigt das Kabinett Briand die Friedensgespräche ohnehin in erster Linie aus Rücksicht auf die innere Politik Frankreichs.[3] Der Zivilgouverneur von Marokko, Steeg, hatte schon im März Vorverhandlungen angeregt und offenbar mit seinem Rücktritt gedroht. Daraufhin gaben Außenminister Briand und Kriegsminister Painlevé widerstrebend nach.[3]

Die militärische Partei in Frankreich fordert jedoch unbeirrt einen vollständigen Sieg.[3] Marschall Pétain, der einen umfassenden Operationsplan mit dem spanischen Machthaber Primo de Rivera (Miguel Primo de Rivera) ausgearbeitet hatte, wird in Kürze in Paris zurückerwartet. Er dürfte seinen ganzen Einfluss geltend machen, um die Offensive doch noch auszulösen.[3] Unterdessen deuten Meldungen aus Tanger darauf hin, dass auch Abd el Krim den Gesprächen in Oudjda wenig Erfolg beimisst und sich bereits um neue Bündnisse mit benachbarten Stämmen bemüht. So will er gegebenenfalls den bewaffneten Widerstand fortsetzen.[3]