Die militärische und politische Lage in der chinesischen Hauptstadt hat sich in den vergangenen Tagen erheblich zugespitzt. Wie der Hong Kong Telegraph meldet, sah sich der bisherige Machthaber Tuantschijui nach dem raschen Vormarsch der gegnerischen Truppen zur Flucht aus Peking gezwungen.[1] Ein außerordentlicher Kabinettsrat, an dem unter anderem Wu Weitek und Ho Teklin teilnahmen, fasste in der Nacht den Beschluss, das ganze Land telegrafisch über die Flucht Tuantschijuis in Kenntnis zu setzen.[1] Das Kabinett hat bis auf Weiteres die Exekutivgewalt übernommen.[1] Die radikalen Kräfte verlangen eine Bestrafung. Die Kuomintang sowie andere gesellschaftliche Organisationen wandten sich an die militärischen Führer und forderten mit Nachdruck die Verhaftung Tuantschijuis, um ihn einem öffentlichen Prozess zuzuführen.[2] Dem Pariser Nachrichtendienst Havas zufolge versucht der Geflohene jedoch weiterhin, von seinem Zufluchtsort aus Einfluss zu nehmen. Er sandte Instruktionen in die Provinzen, die Ordnung aufrechtzuerhalten und keine Weisungen der neuen Zentralregierung zu befolgen.[3]
Derweil ist die sogenannte Nationalarmee bemüht, die Kontrolle über das Umland zu festigen. Laut Angaben des Harburger Tageblatts haben die nationalen Streitkräfte die Truppen des Generals Litschinglin, eines Anhängers der Mukden-Fraktion, über Fengtai hinaus zurückgedrängt.[3] Auch bei Tungtschau wurden feindliche Verbände zurückgeworfen.[3] In Peking selbst ist inzwischen General Tienweitschun (Tian Weiqun), ein Untergebener Wupeifus, aus Lukouchao eingetroffen.[1][4] Er bereitet gemeinsam mit zivilen und polizeilichen Stellen die Übernahme der Stadtverwaltung vor, falls die Truppen der Kuomintschun (Guominjun) die Hauptstadt räumen sollten.[1] Die Vororte werden von starken Kontingenten der Nationalarmee besetzt gehalten.[3]
Um die zivile Übergangsverwaltung zu ermöglichen, wandte sich General Lutschunglin (Lu Zhonglin) an den Politiker W. W. Yen mit der Bitte, ein provisorisches Kabinett zu bilden, bis Wupeifu in der Hauptstadt eintrifft.[1] Bemerkenswert ist auch die Freilassung des früheren Präsidenten Tsao Kun; ihm wurde seine Bewegungsfreiheit zurückgegeben.[1] Marschall Wupeifu zögert jedoch mit seinem Einzug. Er teilte mit, die veränderte Lage zunächst mit Tschangtsolin besprechen zu wollen.[1] Die Prawda weist darauf hin, dass eine formelle Einigung zwischen Wupeifu und der Nationalarmee noch nicht in allen Punkten gesichert ist.[2]
Unterdessen hat sich Tschangtsolin in Mukden gegenüber der Presse geäußert. Wie die China Mail berichtet, betonte der Marschall, sein Ziel sei die Ausrottung des Bolschewismus in China.[4] Sobald dies erreicht sei, werde er sich mit seinen Truppen wieder nördlich der Großen Mauer zurückziehen, um sich dem wirtschaftlichen und industriellen Wiederaufbau der Mandschurei zu widmen.[1][4]
Die internationale Diplomatie beobachtet den Regimewechsel mit Aufmerksamkeit. Die japanische Regierung trat in Tokio zusammen, um die chinesischen Unruhen zu erörtern. Aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung geht hervor, dass man beschlossen hat, an der Politik der Nichteinmischung festzuhalten.[5] Der Staatsstreich wird in Tokio nicht als ausreichender Grund angesehen, die laufende Zollkonferenz abzubrechen, obwohl man zu einem gemeinsamen Vorgehen der Auslandsmächte bereit ist.[5] Zugleich rät die japanische Zeitung Tokio Asahi nach Berichten aus Moskau der sowjetischen Regierung, die faktische Herrschaft Tschangtsolins in der Mandschurei anzuerkennen, um den Frieden in Ostasien nicht zu gefährden.[2]