Genau vier Jahre nach der historischen Unterzeichnung des Vertrages von Rapallo am 16. April 1922 stehen das Deutsche Reich und die Sowjetunion erneut vor dem Abschluss eines bedeutenden Abkommens.[1] Wie aus den diplomatischen Beratungen in Berlin hervorgeht, verhandeln die Regierungen über einen neuen Neutralitätsvertrag.[2] Dieser Schritt markiert das Bestreben, die deutsch-russischen Beziehungen zu festigen, ohne die Verpflichtungen der Locarno-Politik zu verletzen.[1]
Ursprünglich hatte Moskau, wie die Deutsche Tageszeitung meldet, den Abschluss eines unbedingten gegenseitigen Neutralitätsvertrags angestrebt.[3] Die sowjetische Führung hegt Befürchtungen hinsichtlich einer vermeintlichen englischen Einkreisungspolitik und suchte weitreichende Sicherheitsgarantien.[3] Die deutsche Regierung hat jedoch die Forderung nach einem vollumfänglichen Offensiv- und Defensivbündnis entschieden abgelehnt.[3] Deutschland bestand darauf, dass sich beide Staaten lediglich verpflichten, an keinem Angriff gegen den anderen teilzunehmen.[3] Sollte Russland als unprovozierter Angreifer handeln, entfällt jede deutsche Neutralitätsverpflichtung.[3]
Der Tag betont in diesem Zusammenhang die Bindung Deutschlands an die Völkerbundsatzung.[2] Durch die Unterzeichnung der Verträge von Locarno und die geplante Mitgliedschaft im Völkerbund unterliegt das Reich den Artikeln 16 und 17 des Pakts.[2] Diese Bestimmungen verbieten eine absolute Neutralität, da sie die Mitglieder unter bestimmten Umständen zu gemeinsamen Aktionen gegen friedensbrechende Staaten verpflichten können.[2] Aus diesem Grund hat die Reichsregierung in London und Paris wiederholt klargestellt, dass ein Abkommen mit Russland ausschließlich solche Bestimmungen enthalten werde, die nicht im Widerspruch zu den Völkerbundstatuten stehen.[2] Dennoch ist man bestrebt, den diplomatischen Draht nach Moskau nicht abreißen zu lassen.[1]
Die Bekanntgabe der Gespräche wurde durch Enthüllungen in der Londoner Times beschleunigt.[2] In rechten Kreisen herrscht die Auffassung, dass Großbritannien diese Veröffentlichungen gezielt lanciert habe, um Deutschland bei einem möglichen Scheitern der Völkerbund-Studienkommission die Schuld zuzuweisen.[2] Es wird vermutet, dass London darauf abzielt, die öffentliche Meinung in Frankreich und Polen gegen die deutsche Haltung zu wenden und somit die Position der Reichsregierung in Genf zu schwächen.[2]
Trotz dieser Störmanöver bestätigt der Pariser Temps, dass Deutschland seine westlichen Partner keineswegs hintergangen hat.[3] Die deutsche Regierung habe Paris und London auf diplomatischem Wege frühzeitig über die Gespräche mit Moskau informiert.[3] Das Abkommen stelle eine Rückversicherung und ein Freundschaftsabkommen dar, das Deutschland in keiner Weise von seinen Verpflichtungen aus Locarno entbinde.[3] Ein ähnlicher Vertrag wurde erst vor wenigen Monaten zwischen Russland und der Türkei geschlossen.[3]
Die übrige französische Presse beurteilt die Vorgänge sehr unterschiedlich. Das linksstehende Oeuvre sieht in dem Vertrag keinen Anlass zur Beunruhigung, sofern sich der Vertrag im Rahmen des Völkerbundpakts bewegt.[4] Es hebt positiv hervor, dass Deutschland seine Beteiligung an der vorbereitenden Abrüstungskonferenz angekündigt hat.[4] Der Quotidien stört sich weniger an den Verhandlungen selbst, sondern kritisiert vielmehr die Umstände und rügt die Praxis der Geheimdiplomatie.[4] In Teilen der reaktionären Pariser Presse werden hingegen scharfe Töne angeschlagen. Der Avenir erklärt den „Geist von Locarno“ für unvereinbar mit dem „Geist von Rapallo“ und sieht die Locarno-Politik vor dem Zusammenbruch.[4] Das Echo de Paris berichtet von starker Beunruhigung in den diplomatischen Kreisen der französischen Hauptstadt.[4]
Während die Debatte um das russisch-deutsche Verhältnis andauert, bemüht sich Frankreichs Vertreter Joseph Paul-Boncour in Warschau um den Ausbau des französischen Bündnissystems.[1] Er sicherte Polen die Unterstützung für einen ständigen Ratssitz zu und regte an, die Verträge der Oststaaten so zu erweitern, dass sie nicht nur vor einem russischen, sondern auch vor einem deutschen Angriff schützen.[1] Gleichzeitig hat die Reichsregierung dem Generalsekretär des Völkerbundes formell mitgeteilt, dass sie einen Vertreter in die Studienkommission entsenden wird, um konstruktiv an der Lösung der Ratskrise mitzuwirken. Für Deutschland bleibt das Prinzip der Universalität des Völkerbundes dabei maßgebend.[1]