Die französische Währung hat am gestrigen Tage einen beunruhigenden neuen Tiefstand erreicht. Nach Angaben des Pariser Figaro notierte der Dollar bei 29,61 Franken, während das englische Pfund zeitweise auf über 144 Franken kletterte und schließlich bei 143,80 schloss.[1][2] Die Washington Post zeigt sich angesichts dieses Währungssturzes ratlos, da der französische Staatshaushalt formal ausgeglichen sei und unlängst sogar 600 Millionen Franken an Schulden durch die Bank von Frankreich getilgt wurden.[3] Zudem zeichne sich in Marokko ein baldiger Frieden im Rif-Krieg ab. Die jüngsten kommunistischen Demonstrationen in Paris seien zudem wirkungslos geblieben.[3]
Die Ursachen für diese rasche Abwertung sind laut der Badischen Presse vielmehr in der französischen Wirtschaftslage zu suchen.[1] Wie der Temps durch offizielle Statistiken belegt, weist das erste Quartal des Jahres 1926 einen deutlichen Importüberschuss von 1,58 Milliarden Franken auf.[4] Während die Einfuhren wertmäßig um fast 5 Milliarden Franken stiegen, nahmen die Ausfuhren lediglich um 2,3 Milliarden zu.[4] Insbesondere der hohe Bedarf an Rohstoffen und Lebensmitteln zwingt die französischen Industrieunternehmen zu erheblichen Käufen ausländischer Devisen zur Deckung ihrer Einfuhrverpflichtungen.[1][4] Hinzu kommt, dass der ebenfalls schwache belgische Franken die Pariser Börse stark belastet; Brüsseler Akteure verkaufen große Mengen französischer Währung, um sich mit Pfund und Dollar auszustatten.[1]
Um den Staatsbankrott abzuwenden, setzt Finanzminister Raoul Péret auf eine nationale Tilgungskasse, die durch freiwillige Spenden patriotischer Bürger gespeist werden soll.[2] So überreichten Vertreter des französischen Außenhandels in Italien der Regierung kürzlich einen Scheck über 10.000 Franken.[2] Der Figaro kritisiert diese Politik jedoch scharf.[2] Es sei ein Skandal, dass ein Kabinett, welches binnen sechs Monaten ein Drittel der Währungswerte vernichtet habe, nicht entschieden gegen das Grundübel — die anhaltende Inflation und das beständige Drucken von Banknoten — vorgehe und stattdessen auf milde Gaben hoffe.[2]
Unterdessen greifen die französischen Behörden zu polizeilichen Mitteln, um der umfangreichen Kapitalflucht zu begegnen. Ein strenges Gesetz verbietet es Reisenden, mehr als 5000 Franken in bar außer Landes zu bringen.[3] An der Riviera sind die Grenzkontrollen verstärkt worden. Selbst ahnungslose ausländische Touristen, wie jüngst eine Dame aus New York, wurden bei der Ausreise nach Italien mit 12.000 Franken festgenommen und vom Gericht in Nizza umgehend zu einer Geldstrafe verurteilt.[3]
In dieser schwierigen Lage werden die ungelösten internationalen Schuldenfragen wieder vorrangig behandelt. Finanzminister Péret beabsichtigt, in Kürze nach Washington zu reisen, um Verhandlungen über die interalliierten Schulden abzuschließen.[3] Dem Temps zufolge darf Frankreich bei seinen Verpflichtungen jedoch keinesfalls die sogenannte Schutzklausel aufgeben.[4] Die Republik könne nur in dem Maße Zahlungen an Amerika leisten, wie sie selbst Reparationen aus Deutschland erhalte; jeder andere Vertrag würde von der französischen Öffentlichkeit nicht angenommen werden.[4]