Die blutigen Auseinandersetzungen in Marokko stehen möglicherweise vor ihrem Abschluss. Wie die offizielle Auslandpresse meldet, beginnen an diesem Wochenende die mit Spannung erwarteten Friedensverhandlungen zwischen Frankreich, Spanien und den aufständischen Rifkabylen. Laut dem Pariser Figaro ist die erste Zusammenkunft für den heutigen Sonntagvormittag um zehn Uhr im Lager Berteaux angesetzt, das sich etwa fünfundzwanzig Kilometer nordwestlich von Taourirt befindet.[1] Die Abordnungen der Franzosen und Spanier trafen bereits am Samstag im marokkanischen Oudjda ein, um letzte diplomatische Vorbereitungen zu treffen.[2]
Bevor die eigentliche Friedenskonferenz anberaumt werden kann, haben Paris und Madrid strikte Vorbedingungen formuliert. Die Vertreter Spaniens und Frankreichs fordern die Zustimmung der Rifkabylen zu einem Vorrücken der europäischen Truppen um sechs bis sieben Kilometer.[3][2] Diese taktische Grenzverschiebung soll den Verbündeten die Besetzung wichtiger strategischer Positionen sichern.[3] Die Annahme dieser Vorbedingung würde die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten an der gesamten Front ermöglichen.[2] Der Figaro wirft ein bezeichnendes Licht auf die Entstehung der Konferenz: Eine offizielle Note der spanischen Regierung behauptet, die Rifkabylen hätten von sich aus um Friedensgespräche gebeten. Aus den Äußerungen französischer Minister lässt sich dagegen eher schließen, dass Frankreich und Spanien ein Ultimatum gestellt haben.[1] Den Aufständischen sei demnach die Wahl zwischen Frieden und einer bereits vorbereiteten neuen Offensive gelassen worden.[1]
Hinter den Kulissen ist die Lage angespannt. Die französische Tageszeitung Le Temps berichtet ausführlich über die Verwirrung in den Reihen der Aufständischen, als ihnen nach ersten Unterredungen über den Gefangenenaustausch plötzlich neue Konditionen präsentiert wurden.[4] Vor allem die weitreichende Forderung nach der vollständigen Entwaffnung des Rifs und der Verbannung des Anführers Abd el Krim stieß auf heftige Widerstände.[4] Abd el Krim selbst, der die inoffiziellen Vorgespräche von den Toren Taourirts aus aufmerksam verfolgt hatte, geriet aufgrund widersprüchlicher Berichte westlicher Journalisten und der offiziellen Verlautbarungen in erhebliche Zweifel an den wahren Absichten der Kolonialmächte.[4] Dennoch zeigte sich der französische General Simon überzeugt, dass die Delegierten Abd el Krims von dem lebhaften Wunsch beseelt seien, ein endgültiges Einvernehmen zu erzielen.[3]
Die Badische Presse meldet, dass die heftigsten Diskussionen wegen der geplanten strategischen Gebietsbesetzungen durch die spanische Armee erwartet werden.[3] Abd el Krim vertritt den festen Standpunkt, dass spanische Truppen keine Punkte besetzen dürfen, die sie nicht bereits vor Ausbruch der Kampfhandlungen gehalten hatten.[3] Dennoch rechnen die französischen Militärs damit, dass die Rifkabylen nachgeben werden, damit bei einem etwaigen Scheitern der Friedensbemühungen die europäische Offensive eingeleitet werden kann.[3]
An der direkten Kontaktlinie im marokkanischen Hinterland spielten sich am Wochenende bemerkenswerte Szenen ab. Im Sektor von Souk-es-Sebt, auch Ain-Amar genannt, der derzeit von zwei Bataillonen des 6. algerischen Marschregiments gehalten wird, trafen die Emissäre aufeinander.[4] Beide Ufer des Flusses Oued Kerth befinden sich fest in französischer Hand.[4] Die Delegierten der Aufständischen näherten sich über den steilen Gebirgspass, der von dem militärischen Posten der sogenannten roten Gipfel dominiert wird.[4] Wie Le Temps schildert, ritten der Minister der Rifrepublik Azerkane und Cheddit in Begleitung von zweihundert Reitern in das Gebiet ein.[4] Sie wurden auf französischer Seite mit formellem Respekt von General Mougin und Oberst Azan empfangen.[4]
Eine Schlüsselrolle in der Vermittlung spielt der Kaid Haddou, der als dritter offizieller Delegierter Abd el Krims auftritt.[3] Der Kaid vertritt insbesondere den Stamm der Boukouya, während die anderen Delegierten für den mächtigen Stamm der Beni Ouriaghel sprechen.[3] Le Temps beschreibt Haddou als eine imposante Erscheinung mit energischen Gesichtszügen, der die französische Sprache dank seiner europäischen Erziehung beinahe fehlerfrei beherrscht.[4] Bereits in der Nacht vor dem großen Treffen soll es zu intensiven, aber diskreten Besprechungen zwischen General Simon, dem Kaid Haddou und dem französischen Kontrolleur Gabrielli gekommen sein.[4]
Sollten die sonntäglichen Vorbesprechungen im Lager Berteaux — an denen drei Franzosen, drei Spanier, drei Rifkabylen sowie ein französischer Major als Übersetzer teilnehmen — erfolgreich verlaufen, wird die Delegation noch am selben Tag in Kraftwagen nach Oudjda weiterreisen.[3] Dort halten sich bereits der französische Delegierte Major Duclos und der Konferenzdolmetscher Margot auf.[4] Die eigentlichen Verhandlungen würden in diesem Fall am Montagmorgen beginnen.[3]
In Oudjda sind die Vorbereitungen bereits abgeschlossen. Im großen Saal des dortigen Konsulats wurde eine hufeisenförmige Tafel errichtet.[3] Die französische Administration hat darauf geachtet, alle Gegenstände aus den Räumlichkeiten zu entfernen, welche die Gefühle der Rifdelegierten verletzen könnten.[3] Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung rechnet General Simon jedoch damit, dass die diplomatischen Unterredungen selbst bei einem raschen Einverständnis über den Truppenvormarsch mindestens zwei Wochen beanspruchen werden.[5] Insbesondere die zwingend geforderte Entfernung Abd el Krims aus der Region lässt langwierige und heikle Verhandlungen erwarten.[5]