Die diplomatische Bühne Europas wird in diesen Tagen von den Berichten über ein neues deutsch-russisches Vertragswerk beherrscht.[1] Nachdem die Londoner Times erste Mitteilungen über die laufenden Verhandlungen zwischen Berlin und Moskau veröffentlicht hatte, erwachte in den westlichen Hauptstädten eine spürbare Unruhe.[1] Die britische Regierung sowie die Regierungen in Paris und anderen Metropolen waren zwar bereits vor Ostern über die Pläne unterrichtet worden, doch die öffentliche Bestätigung sorgte für erhebliches Aufsehen.[1]

Dem Pariser Temps zufolge hat der deutsche Botschafter in London, Friedrich Sthamer, am Freitag das britische Außenministerium aufgesucht.[2] Dort führte er ein ausführliches Gespräch mit dem Außenminister Sir Austen Chamberlain.[2] Dies war die erste persönliche Aussprache der beiden Diplomaten über das strittige Thema.[2] Bisher hatte die britische Regierung ihre Informationen über die Annäherung hauptsächlich durch ihren eigenen Botschafter in Berlin, Lord d’Abernon, bezogen.[2] Chamberlain erklärte nach der Unterredung, die britische Regierung betrachte die deutschen Zusicherungen als befriedigend.[2] Die Berliner Diplomatie habe glaubhaft versichert, dass der geplante Vertrag dem Geist des Abkommens von Locarno nicht widerspreche.[2] Dennoch bedauere man in London, dass die Regierungen in Berlin und Moskau derartige Verhandlungen führten.[2]

Die Kölnische Zeitung verweist in diesem Zusammenhang auf Meldungen des Manchester Guardian, wonach im britischen Kabinett recht unterschiedliche Auffassungen über das Vertragswerk herrschen.[3] Während Chamberlain die Lage optimistisch beurteile, nähmen andere Minister eine weitaus skeptischere Haltung ein.[3] In diesen Kreisen befürchtet man, dass Deutschland den Vertrag noch vor seiner offiziellen Aufnahme in den Völkerbund unterzeichnen könnte.[3] Einige britische Politiker sorgen sich zudem um das Ansehen der eigenen Diplomatie, die zunehmend isoliert erscheint.[3] Die britischen Beziehungen zu Russland sind derzeit derart unterkühlt, dass seit mehr als sechs Monaten kein russischer Botschafter mehr in London residiert.[3] Mehrere konservative Abgeordnete, darunter Sir Frank Nelson und Robert Boothby, sind am Wochenende zu einer inoffiziellen Reise nach Russland aufgebrochen, um die Möglichkeiten einer wirtschaftlichen und diplomatischen Wiederannäherung zu untersuchen.[3]

In Deutschland ist man derweil bemüht, den Eindruck eines überraschenden Kurswechsels zu zerstreuen.[2] Aus dem Berliner Tageblatt geht hervor, dass die deutsch-russischen Verhandlungen keineswegs eine Trotzreaktion auf das Scheitern der Genfer Völkerbundversammlung im März darstellen.[1] Die ersten Gespräche mit Moskau begannen tatsächlich bereits im Dezember 1924.[1] Der Reichsaußenminister Gustav Stresemann hält sich derzeit zu einem Erholungsurlaub in Brissago am Lago Maggiore auf und lenkt von dort aus die Politik.[1] Auch die jüngste, sehr scharf formulierte Note des russischen Volkskommissars Tschitscherin (Georgi Tschitscherin) zur Abrüstungskonferenz hat den Fortgang der Vertragsverhandlungen nicht beeinträchtigt.[1] Deutschland verfolgt das klare Ziel, nicht in Bündnissysteme gedrängt zu werden, die eines Tages einen aggressiven Charakter annehmen könnten.[1] Aus diesem Grund hatte die Reichsregierung bereits bei den Vorbesprechungen Vorbehalte gegen die Artikel sechzehn und siebzehn des Völkerbundstatuts angemeldet.[1] Man wollte verhindern, im Falle eines Konflikts gegen Russland zur Freigabe von Durchmarschwegen oder zur Teilnahme an einem wirtschaftlichen Boykott gezwungen zu werden.[1]

Einige französische Beobachter zeigen Verständnis für diese Position.[2] Der Temps räumt ein, dass Deutschland nicht verpflichtet ist, sich sofort zwischen Ost und West zu entscheiden.[2] Berlin habe die Locarno-Verträge unterzeichnet, um sich eine vollkommene Handlungsfreiheit gegenüber den Sowjets zu sichern, und verhandle nun mit Moskau, um eine entsprechende Freiheit gegenüber den Westmächten zu wahren.[2] Damit verschafft sich die deutsche Diplomatie ein wirkungsvolles Druckmittel für die anstehenden Verhandlungen über den endgültigen Eintritt in den Völkerbund.[2] Für die deutsche Sozialdemokratie hat die Sicherung des Friedens in Westeuropa weiterhin oberste Priorität.[4] Laut dem Vorwärts ist die Partei eine feste Anhängerin der Völkerbundidee, wenngleich die gravierenden Mängel der gegenwärtigen Organisation in Genf deutlich zutage getreten sind.[4] Die Locarno-Politik steht für die Sozialdemokraten jedoch über den Institutionen des Völkerbundes.[4] Das Vertragswerk von Locarno genügt nach ihrer Auffassung, um die gefährlichsten Konfliktherde zwischen Deutschland, Frankreich und Polen zu entschärfen.[4] Gegner einer Verständigung, vor allem Nationalisten und Kommunisten, machten aus ihrer Schadenfreude über das Genfer Debakel keinen Hehl.[4] Der Vorwärts zitiert außerdem den belgischen Außenminister Vandervelde (Emile Vandervelde), der unlängst ausführte, dass im Falle eines Zerfalls des Völkerbundes die Locarno-Verträge das zwingende Fundament für eine künftige Friedensordnung bilden müssten.[4]

Dass ein künftiges Völkerbundmitglied Separatverträge schließt, ist zudem auf dem internationalen Parkett kein Novum.[1] Das Berliner Tageblatt erinnert an einen Vertrag, den Italien im Januar 1924 mit Jugoslawien abschloss.[1] Darin verpflichten sich beide Seiten zur Neutralität für den Fall, dass eine der Parteien unprovoziert angegriffen wird.[1] Ein ähnliches Abkommen unterzeichnete die Tschechoslowakei bereits am 5. Juni 1922 mit Sowjetrussland.[1] Selbst Polen, das eng an das westliche Bündnissystem gebunden ist, sucht derzeit offen ein vertragliches Übereinkommen mit Moskau.[1]

Die britische Öffentlichkeit betrachtet die Situation dennoch mit großem Argwohn.[2] Die Annäherung zwischen Berlin und Moskau ruft an der Themse unweigerlich Erinnerungen an den Vertrag von Rapallo hervor, der die europäische Diplomatie vor vier Jahren aufschreckte.[3] Die Lage wirkt auf verblüffende Weise ähnlich wie zur Zeit der Konferenz von Genua, als man Deutschland und Russland gleichermaßen isolierte.[3] Damals führte diese Ausgrenzung beide Staaten zum Abkommen von Rapallo, das die Geschicke Europas für die folgenden drei Jahre bestimmte.[3] Die Kölnische Zeitung resümiert, dass die diplomatische Niederlage von Genf unbestreitbar eine neue Lage in Europa geschaffen habe, deren erstes Anzeichen der deutsch-russische Dialog sei.[3] Der Pariser Temps schließt seine Betrachtungen mit der Feststellung, dass die Briten den neuen Vertrag als das Ergebnis eines gezielten Manövers der Sowjetunion betrachten, das sich direkt gegen das britische Weltreich richte.[2]