Die polnische Hauptstadt steht unter dem Eindruck eines blutigen Verbrechens, das den vorläufigen Schlusspunkt unter einen der aufsehenerregendsten Wirtschaftsprozesse der letzten Zeit setzt. Am gestrigen Samstag wurde der frühere polnische Finanzminister und spätere Generaldirektor der Postsparkasse, Hubert Linde, auf offener Straße Opfer eines Mordanschlags.[1] Wie die Neue Freie Presse in einem Telegramm meldet, ereignete sich die Tat um 14 Uhr. Linde verließ in Begleitung seines Neffen das Gerichtsgebäude und begab sich auf den Heimweg.[1] Ein Mann in Militäruniform näherte sich dem Ex-Minister unbemerkt von hinten und feuerte einen Revolverschuss ab.[1] Die Kugel durchbohrte den Hinterkopf Lindes, sodass er bereits nach wenigen Minuten seinen schweren Verletzungen erlag.[1]

Der gewaltsame Tod Lindes beendet ein Gerichtsverfahren, das die polnische Öffentlichkeit seit Wochen beschäftigte, auf tragische Weise. Der ehemalige Spitzenbeamte stand wegen des Vorwurfs umfangreicher Unterschlagungen und Amtsmissbrauchs vor Gericht, die ihm während seiner Amtszeit in der Postsparkasse zur Last gelegt wurden.[2][1] Laut dem Vorwärts dauerte der Prozess gegen ihn bereits seit etwa zwei Wochen an.[2] Die Beweisaufnahme war weitgehend abgeschlossen, und das Urteil sollte am kommenden Montagnachmittag gesprochen werden.[2] Die Deutsche Allgemeine Zeitung bezeichnet das Verbrechen in einer kurzen Notiz als „politischen Mord“, was die angespannte Lage in der Hauptstadt verdeutlicht.[3]

Der Täter versuchte unmittelbar nach den tödlichen Schüssen zu fliehen, konnte jedoch im Gewirr der Straßen nicht untertauchen. Er wurde noch am Tatort festgenommen und der Polizei übergeben.[1] Es handelt sich um einen Unteroffizier namens Wenzel Chielewski, der nach Angaben der Neuen Freien Presse als Sanitätsfeldwebel dient.[1] Nach Bericht des Vorwärts gehört er der Warschauer Infanterieoffizierschule an.[2]

Erste Vernehmungen des Festgenommenen deuten darauf hin, dass politische Motive das Attentat bestimmten.[2] Nach den bisherigen Äußerungen Chielewskis hegte der Soldat ein tiefes Misstrauen gegenüber dem laufenden Gerichtsverfahren.[2] Er fürchtete offenbar, dass Linde infolge nationalistischer Einflüsse mit einer unangemessen geringen Strafe davonkommen oder sogar vollständig freigesprochen werden könnte.[2] Aus dieser Überzeugung heraus entschloss er sich, dem Urteil des Gerichts eigenmächtig zuvorzukommen und Selbstjustiz zu üben.[2] Die polnischen Behörden sehen sich nun vor die Aufgabe gestellt, einer weiteren Radikalisierung in weiten Teilen der Bevölkerung entgegenzutreten.