Am vergangenen Wochenende weilte Reichskanzler Dr. Luther in Begleitung der Reichsminister Dr. Külz und Dr. Reinhold in der bayerischen Landeshauptstadt.[1][2] Den Mittelpunkt des Besuches bildete eine mehrstündige politische Aussprache mit der bayerischen Staatsregierung im Ministerium des Äußern.[1] Wie amtlich mitgeteilt wird, wurden dabei vor allem die grundsätzlichen staatsrechtlichen Beziehungen zwischen dem Reich und den Einzelstaaten erörtert. Die Behandlung praktischer Einzelfragen soll einer späteren Phase vorbehalten bleiben.[1][2] Überschattet wurden die Beratungen am Nachmittag von einem Zwischenfall: Eine achtköpfige kommunistische Abordnung versuchte gewaltsam, zu dem Reichsminister des Innern vorzudringen. Die Schutzpolizei hinderte sie jedoch am Betreten des Hauses.[1][2]

Bereits am Vormittag hatten der Reichskanzler und seine Begleitung dem Deutschen Museum sowie dem Reichsfinanzhof einen Besuch abgestattet.[2] Im Sitzungssaal des Finanzhofes würdigte Dr. Luther die Tätigkeit der Behörde und gab der Hoffnung auf eine Festigung der gegenseitigen Beziehungen Ausdruck.[2]

Den feierlichen Höhepunkt des Aufenthaltes bildete am Abend ein Diner im Palais des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Held. Dem Diner schloss sich ein glanzvoller Empfang an.[1][3] Unter den zahlreichen geladenen Gästen befanden sich neben dem Reichsgesandten in München, Dr. Haniel von Haimhausen, die bayerischen Staatsminister Gürtner, Stützel und Dr. Krausneck, der Gesandte Dr. von Preger sowie der Landeskommandant Freiherr Kreß von Kressenstein.[3] In seiner Begrüßungsansprache betonte Ministerpräsident Held den Willen zur loyalen Zusammenarbeit im Deutschen Reiche.[1] Zugleich forderte er die Anerkennung der bayerischen Eigenart, insbesondere auf dem Felde der Kultur. Diese habe ein Recht darauf, sich im Vaterlande von sich aus zur Geltung zu bringen.[1][2]

Reichskanzler Dr. Luther dankte für die freundliche Aufnahme und ging ausführlich auf das Verhältnis der deutschen Stämme ein.[4][2] Er zitierte aus einer politischen Urkunde der bayerischen Regierung den Ausspruch, dass das Herz Deutschlands im Süden und der Kopf im Norden liege.[1][4] Der Kanzler betonte, dass der Begriff der ‚Mainlinie‘ aus dem politischen Sprachschatz verschwinden müsse. Doch lasse sich nicht leugnen, dass der Rhythmus des Nordens stärker vom Wirtschaftlichen und Organisatorischen geprägt sei, während im Süden das kulturelle Streben kräftiger hervortrete.[1][4] Nach Berichten der Badischen Presse versicherte der Kanzler, das Schwergewicht der weiteren kulturellen Entwicklung solle bei den Ländern verbleiben.[3] Dennoch müsse alles kulturelle Bemühen dem einen großen Ziel dienen, ein starkes, in sich geschlossenes deutsches Volk und Reich zu formen.[3] Die tiefe Verwurzelung der bayerischen Kultur sei keineswegs eine Gefahr, sondern eine Kraftquelle, sofern der Rahmen der Gesamtkultur nicht vernachlässigt werde.[4] Mit einem Zitat aus Schillers Wallensteins Lager schloss der Kanzler seine Ausführungen über die Pflicht zur vaterländischen Bündelung aller regionalen Eigenheiten: „Jedem zieht er seine Kraft hervor, die eigentümliche, und macht sie groß!“[3]