Aus Furcht vor einer militärischen Auseinandersetzung im Mittelmeerraum hat die türkische Regierung weitreichende Schritte unternommen. Laut dem Pariser Matin herrscht in den politischen Kreisen von Konstantinopel große Beunruhigung.[1] Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, ordnete die Regierung eine Teilmobilisierung des Heeres an.[1] Konkret wurden die Reservisten der Jahrgänge 1920 bis 1925 sowie zusätzlich der Jahrgang 1926 zu den Waffen gerufen.[1] Diese außergewöhnliche Maßnahme steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sorge vor einem italienischen Angriffskrieg.[1]
Diplomatische Bemühungen zur Entschärfung der Lage blieben bislang ohne Erfolg. Die italienische Botschaft in Angora sah sich veranlasst, den umlaufenden Gerüchten offiziell entgegenzutreten.[2] Wie die Sächsische Staatszeitung meldet, wies die Vertretung Roms ausdrücklich eine Nachricht der britischen Westminster Gazette zurück, wonach ein italienisch-griechischer Pakt gegen die Türkei geschlossen worden sei.[2] Die Zusicherungen des italienischen Botschafters konnten die Nervosität in den türkischen Regierungskreisen jedoch nicht mindern.[1]
Nach Berichten des Londoner Daily Telegraph beurteilen britische Beobachter die türkischen Truppenbewegungen im Hinblick auf eine konkrete strategische Befürchtung.[1] Ankara habe demnach Warnungen erhalten, dass das faschistische Italien der Türkei den Krieg erklären könnte, noch bevor Deutschland dem Völkerbund beigetreten sei.[1] Die türkische Sorge beruht auf der Annahme, das Deutsche Reich würde im Völkerbundrat einem italienischen Vorgehen entgegenwirken.[1] Da jedoch Deutschland zu diesem Zeitpunkt nicht Mitglied des Völkerbundrats ist und die Türkei ohnehin außerhalb der Genfer Liga steht, befürchtet man am Bosporus das Schlimmste.[1] Unter diesen Umständen erscheint es wahrscheinlich, dass kein anderes Mitglied des Rates die italienische Regierung für eine militärische Handlung zur Verantwortung ziehen würde.[1]