Die deutsch-sowjetischen Verhandlungen stehen unmittelbar vor dem Abschluss.[1] Wie der Lokalanzeiger meldet, sind die Besprechungen in den vergangenen Tagen erheblich fortgeschritten.[2] Zwar müssen noch einige Differenzpunkte geklärt werden, doch wird die Paraphierung des Vertrages voraussichtlich schon in dieser Woche erwartet.[2][1] Der russische Botschafter weilte bereits am Montag bei Außenminister Gustav Stresemann und hat für Dienstag einen weiteren Besuch angekündigt.[1] Parallel hat der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Müller im Auftrag seiner Fraktion die Einberufung des Auswärtigen Ausschusses beantragt.[2] Nach einer Vorbesprechung zwischen Stresemann, dem Ausschussvorsitzenden Hergt und Reichstagspräsident Löbe am Donnerstag wird das Gremium voraussichtlich am kommenden Montag zusammentreten. Dort soll das Abkommen erörtert werden.[2]
Über den Inhalt der Abmachung herrscht nun weitgehende Klarheit.[1] Der Vertrag sichert beiden Staaten in bestimmten Grenzen eine gegenseitige Neutralität zu, falls einer der beiden Kontrahenten angegriffen wird.[1] Deutschland wird jedoch aus Gründen der Loyalität seine Verpflichtungen als künftiges Mitglied des Völkerbundes wahren.[1] Die Reichsregierung hatte die anderen Unterzeichnerstaaten des Locarnovertrages zunächst vertraulich von ihren Schritten in Kenntnis gesetzt.[2] Kurz darauf kam es jedoch zu einer Indiskretion, die die Weltöffentlichkeit alarmierte.[2] In Berliner politischen Kreisen nimmt man an, dass nicht etwa Moskau, sondern Polen hinter dieser Veröffentlichung steht.[1] Man vermutet, dass Warschau eine deutsch-russische Absprache befürchtet und den Vertrag sabotieren wolle.[1] Diese Rechnung erwies sich jedoch als irrig, da die Indiskretion das Bestreben nach einem raschen Abschluss in Berlin und Moskau nur verstärkte.[1]
In London riefen die Nachrichten zunächst gemischte Reaktionen hervor. Der diplomatische Korrespondent des Daily Telegraph äußerte starke Bedenken wegen des Artikels 16 der Völkerbundsatzung, den er als Hindernis für die deutsche Neutralitätsverpflichtung betrachtete.[2] Die britische Regierung zeigt sich jedoch beruhigt.[2] Der Times zufolge hat der englische Außenminister Austen Chamberlain durch diplomatische Kanäle in Berlin zu verstehen gegeben, dass das Foreign Office keine Einwände gegen den Vertrag erhebt.[3] Chamberlain äußerte die Überzeugung, dass das Abkommen mit dem Rahmen von Locarno vereinbar sei und Deutschlands Beitritt zum Völkerbund nicht behindern werde.[3] An Berliner amtlichen Stellen wird dieser Schritt bestätigt. Dort misst man ihm jedoch vornehmlich die Bedeutung einer politischen Höflichkeitsformel bei.[3] Auch in der Londoner Presse wird betont, dass sich Großbritannien wegen einer vermeintlichen Isolierung seiner Politik gegenüber Russland nicht beunruhigen müsse.[2]
Für weiteres Aufsehen sorgte eine Rückfrage des tschechoslowakischen Außenministers Edvard Benesch (Edvard Beneš).[2] Laut der Times wandte sich Benesch an die Garantiemächte von Locarno, um sich über die Lage zu informieren.[3] Aus Prag verlautet dazu, Benesch habe keineswegs politische, sondern ausschließlich juristische Gesichtspunkte hervorgehoben, um einer erneuten Krise im Völkerbundrat vorzubeugen.[2] Er habe somit als Ratsmitglied gehandelt und nicht im Namen der Kleinen Entente.[2] Wie aus unterrichteten Berliner Kreisen verlautet, liegt der Reichsregierung eine solche Anfrage offiziell nicht vor.[3] Dennoch wird das Vorgehen der Reichsregierung im Inland teilweise sehr skeptisch beurteilt, auch unter Anhängern der Friedenspolitik.[2] Das diplomatische Verfahren ruft Erinnerungen an die Politik von Rapallo hervor. Damals wurde die westliche Welt während der laufenden Verhandlungen durch den plötzlichen Vertragsabschluss überrascht.[2] Die neuen Abmachungen mit Moskau erscheinen kaum geeignet, die bereits schwierige Situation seit den Ereignissen in Genf spürbar zu erleichtern.[2] Die Entscheidungen der Studienkommission zur Ausgestaltung des Völkerbundrates, in der prominente Vertreter wie Lord Robert Cecil für England und Paul-Boncour (Joseph Paul-Boncour) für Frankreich mitwirken, werden für die Lösung der Krise maßgeblich sein.[2]