Die politische Krise in der chinesischen Hauptstadt hat einen dramatischen Höhepunkt erreicht. Der bisherige Reichsverweser Tuan-tschi-jui hat sein Amt nun endgültig niedergelegt und die Flucht ergriffen.[1] Aus Berichten der Neuen Freien Presse geht hervor, dass der Politiker sich zunächst in das ausländische Gesandtschaftsviertel begab, bevor er nach Tientsin abreiste.[1]
Den Hintergrund dieses Zusammenbruchs bilden grauenhafte Racheakte der abziehenden Truppen. Wie das Berliner Tageblatt meldet, verübten die Soldaten der Kuomintschün (Guominjun) kurz vor der Räumung Pekings ein Blutbad.[2] Radikale Elemente zwangen die Kommandeure, die militärische Schutzwache des Kabinetts auszulöschen.[3] Diese Wache hatte am 18. März auf demonstrierende Studenten geschossen und sich so den Hass der Truppen zugezogen.[3][4] Laut der in Hongkong erscheinenden China Mail wurden die Wachsoldaten vor die Tore der Stadt zum Gelben Tempel geführt und dort mit Maschinengewehren niedergemäht.[4] Von mehr als vierhundert Männern sollen lediglich fünf mit dem Leben davongekommen sein.[3][2]
Die unmittelbare Flucht des Reichsverwesers vollzog sich unter dem Schutz der Nacht. Dem Hong Kong Telegraph zufolge traf der ehemalige Kriegsminister Wukuanghsin, zugleich Schwager Tuan-tschi-juis, um Mitternacht in Peking ein.[3] Er eskortierte den gestürzten Staatschef gegen ein Uhr morgens in das sichere Gesandtschaftsviertel.[3] Am Nachmittag bestiegen beide in Begleitung zweier Sekretäre einen Zug nach Tientsin.[3][4] Zuvor hatte der fliehende Machthaber noch drei formelle Mandate erlassen.[4] Diese nahmen den Rücktritt des amtierenden Premierministers Tschiatehjao an und ernannten Huweiteh zu seinem Nachfolger.[4] Die neuen Machthaber in Peking ließen diese Anordnungen jedoch unbeachtet.[4]
Mit der Abreise Tuan-tschi-juis hat die bisherige Regierung ihre Funktion de facto eingestellt.[3] Das Kabinett trat in seiner Gesamtheit zurück.[3] Ein Komitee unter der Leitung von Wangschih-tschen (Wang Shizhen) versucht derzeit, die laufenden Verwaltungsgeschäfte aufrechtzuerhalten.[3][4] Diese provisorische Behörde ist jedoch von der Zustimmung der siegreichen Fengtien-Führer (Fengtian) abhängig.[3] Die einrückenden Befehlshaber haben bereits einen eigenen Garnisonskommandanten und einen neuen Polizeichef für Peking ernannt und alle wichtigen Posten besetzt.[3][4]
Die militärische Kontrolle liegt nun fest in den Händen der Truppen aus der Mandschurei. Die Madrider Zeitung El Sol betont, dass der siegreiche General Tschangtsolin nach dem Rückzug der Kuomintschün-Armee die uneingeschränkte Macht in Peking ausübt.[5] Der spanische Bericht charakterisiert den mandschurischen Kriegsherrn als entschiedenen Gegner der Bolschewiki und als Freund der Japaner.[5] Diese Haltung spiegelt sich auch in russischen Berichten wider. Laut der Prawda entwaffneten die in Peking einrückenden Mukden-Truppen umgehend jene Einheiten des Generals Tangtschitao (Tang Zhidao), die noch die Stadttore bewacht hatten.[6] Die Straßen der Hauptstadt werden unterdessen von Patrouillen der Fengtien-Armee kontrolliert. Beobachter beschreiben die allgemeine Lage als ruhig.[3] Der Pariser Figaro urteilt, dass das Prestige des geflohenen Tuan-tschi-jui endgültig zerstört sei und eine Rückkehr an die Macht als ausgeschlossen gilt.[7]