Unter starker Beteiligung in- und ausländischer Ärzte findet gegenwärtig in Baden-Baden ein Kongress für Psychotherapie statt.[1] Wie der Vorwärts berichtet, hat die Tagung einen Gegenstand gewählt, der weit über medizinische Kreise hinaus auf großes Interesse stößt.[1] Ziel der Zusammenkunft ist es, eine Einigung unter den verschiedenen Richtungen der Seelenbehandlung anzubahnen und insbesondere engere Beziehungen zur experimentellen Medizin herzustellen.[1]

Die eigentlichen Väter der neuen Ausrichtung, die Wiener Forscher Breuer und Freud, stehen im geistigen Mittelpunkt der Beratungen.[1] Vor allem Freuds planmäßige Ausfragung der Patienten, seine Traumdeutung sowie das Bestreben, Triebe auf geschlechtliche Lust- und Unlustgefühle zurückzuführen, bilden den Kernbereich der heutigen Psychoanalyse.[1] Hervorragende Vertreter der medizinischen Fakultäten — darunter die Internisten Hansen und Klemperer, die Nervenärzte Kehrer und Schilder sowie der Gießener Psychiater Sommer — betonen übereinstimmend, dass die Psychotherapie inzwischen ein wichtiges Hilfsmittel der Krankenbehandlung darstelle.[1]

Allerdings warnten zahlreiche Redner vor ärztlicher Einseitigkeit.[1] Es wurde ausdrücklich hervorgehoben, dass die rein körperliche Untersuchung stets unerlässlich bleibe.[1] Das heilsame Bestreben, den Menschen als Ganzes zu erfassen, dürfe nicht in die Hände von Kurpfuschern fallen, die mit zeitgemäßen Schlagworten die Leichtgläubigkeit der Bevölkerung ausbeuten.[1] Die beste Waffe gegen diese Gefahr sei eine umfassende Aufklärung durch die Ärzteschaft selbst.[1]